Gelöschte Musikvideos : Welche Folgen hat die Blockade für das Musikgeschäft?

Weil Warner mehr Geld von Youtube haben will, muss die Onlineplattform Musikvideos des Konzerns löschen. Welche Konsequenzen hat das für das Musikgeschäft?

Christian Tretbar

MTV ist Geschichte. Wer heutzutage Musikvideos sehen will, schaut sich auf Youtube um. Das Videoportal im Internet ist zur wichtigsten Plattform für Musikvideos geworden. Zu den beliebtesten Kanälen dort gehören jene, auf denen Musik läuft. Waren die populärsten Clips 2007 in den USA noch private Amateurfilme, so sind es 2008 professionelle Musikvideos, eine Rede des designierten US-Präsidenten Barack Obama und ein TV-Interview mit der Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner, Sarah Palin.

Nun droht der Website, die seit 2006 zu Google gehört, aber ein schwerer Schlag. Denn Warner, einer der größten Musikkonzerne, hat Youtube aufgefordert, Clips seiner Künstler von der Seite zu nehmen, weil man sich nicht auf einen neuen Vertrag einigen konnte. Am Wochenende waren bereits zahlreiche Videos nicht mehr zugänglich.

Warner war einer der ersten Musikmultis, der einen Deal mit Youtube eingegangen war – bevor das Videoportal mit Google fusionierte. Auch die anderen Großen der Musikindustrie stürzten sich auf die Onlineplattform. Es sind vor allem die Aussichten auf hohe Werbeeinnahmen, die eine Vereinbarung mit Youtube so lukrativ machen. Und es ist für beide Seiten ein gewinnbringendes Geschäftsmodell. Die Musikindustrie profitiert von den Anzeigen neben ihren Clips auf der Youtube-Seite. Und das Filmportal kann die Musikvideos im Gegenzug beinahe kostenfrei zeigen. Warner will von diesem Kuchen jetzt mehr haben.

Beide brauchen einander

Doch beide Seiten sind auch voneinander abhängig. Wirtschaftsexperten schätzen, dass Youtube im kommenden Jahr einen Umsatz von 400 bis 420 Millionen US-Dollar einfahren wird. Werbung ist für Youtube dabei die wichtigste Einnahmequelle. Doch noch reichen die Mittel nicht, um die Kosten zu decken. Um mehr Werbegelder zu generieren, braucht Youtube vor allem Musikvideos. Denn Unternehmen werben nicht neben verwackelten Amateurvideos, sondern an der Seite von professionell gemachten Videos – Musikvideos. Hier verdient Youtube Geld. Deshalb könnte es für den Konzern zu einer echten Gefahr werden, wenn dem Beispiel Warner andere Musikkonzerne folgen würden. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber gering. Denn auch die Musikmultis wissen, was sie an Youtube haben: eine gute Einnahmequelle. Und davon gibt es in der Musikindustrie nicht mehr so viele. Der Tonträgermarkt, vor allem der Verkauf von CDs, war bis in die 90er Jahre hinein die wichtigste Einnahmebasis. Doch diese Zeiten sind vorbei. Der Umsatz mit CD’s stagniert. Geld lässt sich im Musikgeschäft vor allem mit Konzerten verdienen. Daran sind Plattenkonzerne wie Warner aber selten beteiligt. Außerdem ist fraglich, ob die Menschen in Zeiten der Rezession für Konzerte weiter Geld ausgeben. Werbeeinahmen wie auf Youtube sind somit umso wichtiger.

Außerdem machen nach wie vor Raubkopien den Plattenfirmen zu schaffen. Zwar ist der Markt für legal und kommerziell heruntergeladene Musik im Jahr 2007 um 40 Prozent gewachsen, trotzdem kommen auf einen legal heruntergeladenen Song immer noch etwa acht bis zehn illegal aus dem Netz gezogene Lieder. Bisher hat die Musikindustrie versucht, hart dagegen vorzugehen und Millionenklagen zu verhängen. Doch sehr erfolgreich war diese Strategie nicht. Deshalb wollen die amerikanischen Musikunternehmen einen anderen Weg bestreiten. Internetanbieter sollen härter gegen Raubkopierer vorgehen. Kunden, die mit ihren Internetaktivitäten Urheberrechte verletzen, sollen abgemahnt und ihnen soll bei weiteren Verstößen der Web-Zugang gesperrt werden. Auch die deutsche Musikindustrie ist für diesen Kurswechsel. „Nach Frankreich und England schlagen jetzt auch die USA den von uns propagierten Weg zu einer effizienten Bekämpfung von Internetpiraterie mit Warnhinweisen ein. Massenverfahren gegen Internetpiraten waren und sind eine Notwehrlösung, solange keine effizienten Alternativen umgesetzt werden“, erklärte Dieter Gorny, Vorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie. Rund 60 000 Strafanzeigen wurden 2007 und 2008 wegen Urheberrechtsverletzungen bei Musik gestellt. Hinzu kommen noch einmal geschätzte 50 000 bis 100 000 Strafverfahren, die von der immer stärker betroffenen Film- und Buchbranche eingeleitet wurden. Für einen Kurswechsel gibt es in der deutschen Politik aber noch keine Mehrheit.

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