Glasvegas : Liebe ist Sozialarbeit

Weltumarmungspop: das Debütalbum der schottischen Band Glasvegas versammelt zehn Songs, die das Pathos New-Wave-artig hallender Weltumarmungsmelodien mit dem guten alten Zorn des britischen Noiserock kreuzen.

Christian Schröder
Glasvegas
Rebellen in Lederjacken. Glasvegas stammen aus Glasgow und träumen von Las Vegas. -Foto: Columbia/Sony

Die Pointe ist nicht schlecht: „My name is Geraldine, I’m your social worker.“ So endet „Geraldine“, der euphorischste, sonnendurchflutetste und herzergreifendste Liebessong dieses Winters. Er besteht aus hochfrequent singenden, schrammelnden, sägenden Gitarren, hymnischen „Uuh-huh-huh“-Backgroundchören und einem stoisch pluckernden Schlagzeug, vor allem aber aus purem lyrischem Überschwang. „When you’re standing on the window ledge“, verspricht der Text, „I’ll talk you back.“ Und: „Be your shepherd, I swear, be your guide.“ Und: „I will be the angel on your shoulder.“

Hirte und Schutzengel will das lyrische Ich sein, das sich hier mit rollendem schottischem Akzent artikuliert. Aber eben: „My name is Geraldine, I’m your social worker.“ Sie ist seine Sozialarbeiterin, nicht die Geliebte. Oder hat sich der junge Mann, um den es geht – vielleicht ist er drogenabhängig, vielleicht kleinkriminell, vielleicht beides –, in seine Sozialarbeiterin verliebt? Und sie sich in ihn? Ist Liebe nicht immer eine Art Sozialarbeit?

Glasvegas heißt die Band, die von der vertrackten Beziehung singt, ein alberner Name, der aber ganz gut beschreibt, worum es geht: Glasgow und Las Vegas. Working Class und Entertainmenthölle. Aus Glasgow stammt das Quartett, das vom Fachblatt „New Musical Express“ (NME) bereits als „wichtigste britische Band ihrer Generation“ gefeiert wird, und wenn man in Glasgow, dieser doch eher unglamourösen Arbeitermetropole, von Las Vegas träumt, also von Reichtum und Pomp und neonlichterhellten Wüstennächten, kann dabei ziemlich großartige Musik herauskommen.

Auf ihrem schlicht „Glasvegas“ betitelten Debütalbum, das am Freitag in Deutschland erscheint, versammelt die Gruppe zehn Songs, die das Pathos New-Wave-artig hallender Weltumarmungsmelodien mit dem guten alten Zorn des britischen Noiserock kreuzen. Das erinnert manchmal an den melancholischen Synthesizer-Bombast von Echo & The Bunnymen und manchmal an die Feedback-Orgien der großen schottischen Independentband The Jesus and Mary Chain, hat aber nichts mit stumpfem Retrorock zu tun.

In dem Stück „Stabbed“ murmelt Sänger James Allan zu den perlenden Klavierakkorden von Beethovens Mondscheinsonate „I’m gonna get stabbed“ und beginnt dann einen Dialog mit seinem Mörder: „You don’t want to stab me / Because you don’t know my family and our capabilities.“ Das Lied ist keine Gewalt- und Selbstauslöschungsfantasie, es erzählt vom „Schoolboy Stabbing“, den Messerattacken, denen in Großbritannien zuletzt immer wieder Teenager zum Opfer gefallen waren. „Daddy’s Gone“ ist eine verhalten beginnende, elegisch aufbrausende Hymne über ein Scheidungskind, das dem Vater nachtrauert, der sich aus seinem Leben davongestohlen hat: „Remember times when you put me on your shoulders / How I wish it was forever.“ „It’s My Own Cheating Heart That Makes Me Cry“, in seinem Wechselspiel von Stadionrock und Akustikgitarren-Lagerfeuerballade tatsächlich herzergreifend, beschreibt den schmalen Grat zwischen jugendlichem Selbstbewusstsein und Selbstzerknirschung: „Oh I’m so clever / Until my paranoia kicks in.“

„Für mich ist Heavy Metal, wenn Johnny Cash auf einer akustischen Gitarre spielt“, sagt Sänger James Allan, der Glasvegas im Jahr 2003 gegründet hat. Allan, heute 28, war Fußballprofi beim schottischen Drittligisten Dumbarton FC, hat aber auch drei Jahre lang von Arbeitslosengeld gelebt. Seine Mitstreiter – Cousin Rab Allan an der Leadgitarre, Bassist Paul Donoghue und Schlagzeugerin Caroline McKay – schlugen sich als Lagerarbeiter, Fliesenleger und Verkäuferin im Secondhand-Klamottenladen durch. Nachdem ihre zweite Single „Daddy’s Gone“, im November 2007 bei einem kleinen Label veröffentlicht, vom NME zum zweitbesten Song des Jahres gewählt worden war, rissen sich die großen Plattenfirmen um die Band. Glasvegas unterschrieben bei Columbia und flogen nach New York, um dort ihr Debütalbum aufzunehmen. Eigentlich steht der Weltkarriere nun nichts mehr im Weg. „Aber wer weiß schon, ob wir überhaupt noch ein zweites Album aufnehmen“, menetekelt Bassist Paul Donoghue. „Wir könnten morgen schon tot sein.“

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