Glosse : Plätzchen backen mit Bob

Vorfreude mit Rüdiger Schaper: Wie Bob Dylan mit Weihnachtsliedern unterwegs ist.

Rüdiger Schaper

Auf seinem langen Marsch zu den Wurzeln der amerikanischen Musiktradition erreicht Bob Dylan einen neuen Meilenstein. Der Meister hat, und das ist offensichtlich kein Sommerwitz, ein Album mit Weihnachtsliedern aufgenommen. Tatort soll das Studio des Singer-Songwriters Jackson Browne in Santa Monica sein, und wie schon auf „Together Through Life“, der aktuellen CD, spielt David Hidalgo von den Los Lobos sein himmlisches Akkordeon. „Here Comes Santa Claus“ und „O Little Town Of Bethlehem“ gehören zu den Klassikern, mit denen Dylan ins Weihnachtsgeschäft zieht.

Diese Nachricht zieht selbst den härtesten Bob-Cats die Stiefel aus. Droht ein Rückfall in die bigotte Jesus-Phase, die Dylan in den späten siebziger Jahren durchlebt hat? Oder arbeitet der 68-Jährige immer noch sein Elvis-Syndrom ab – schließlich hat der King of Rock auch sehr warmherzige Christmas-Songs hinterlassen? Muss das gesamte DylanŒuvre neu interpretiert werden?

Die britische Musikzeitschrift „Uncut“ hat sich an die Arbeit gemacht, mit verblüffenden Ergebnissen. Ohne dass wir es bemerkt hätten: Santa Bob ist schon lange mit Schlitten und Rentieren unterwegs. Hier seine größten Hits in ihrer wahren Gestalt, man kennt sie alle: „Sleigh Lady Sleigh“ (Sex auf Kufen, besser als im Messingbett), „Snowin’ In The Wind“ (erinnert an Dylans eiskalten Heimatstaat Minnesota) oder „A Hard Reindeer’s A-Gonna Fall“ (nach einem wilden Ritt). Außerdem stehen auf der Liste: „Eggnog Noggin’ On Heaven’s Door“ (was Süßes), „Decoration Row“ (Weihnachtsbaum schmücken war schon immer eine desolate Affäre) und „The Chimes They Are A Changing“ (ohne Kommentar).

Einst hatte Bob Dylan Streit mit seinem Tourmanager. Dylan wollte immer nur an bestimmten Orten auftreten, der Manager hatte eine andere Route organisiert. „Du bist ein Mythos“, sagte er zu Bob, „stell dir das so vor wie bei Jesse James. Man spielt nicht jedes Jahr in denselben Städten, man überfällt nicht immer dieselben Banken.“ Bob hielt sich dran. Sich immer neu erfinden, wurde sein Stilprinzip, bis zur Selbstzerstörung. Doch so frisch ist der weihnachtliche Geist auch wieder nicht. 1997 spielte Dylan auf dem Eucharistischen Weltkongress in Bologna vor Papst Johannes Paul II. Kardinal Ratzinger mochte diesen „Propheten“ nicht.

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