Grammy-Verleihung : Coldplay: Alles nur geklaut?

Am Sonntag wurden die Grammys verliehen, und Coldplay wurden drei Auszeichnungen verliehen. Dabei könnte einer ihrer Songs des aktuellen Albums „Viva la Vida“ gestohlen sein. Wo verläuft die Grenze zwischen Ideenklau und künstlerischer Freiheit?

Kai Müller

Er ist ein Virtuose der E-Gitarre. Auf Youtube finden sich Dutzende Amateurvideos, in denen die rasenden Tonläufe von Joe Satriani nachgespielt werden. Damit hat der Kalifornier kein Problem. Erst als er auf die frappierende Ähnlichkeit seines Songs „If I Could Fly“ mit dem Hitparaden stürmenden Titelsong des neuen Albums der britischen Band Coldplay hingewiesen wurde, reichte er fassungslos Klage ein. Er will Schadenersatz und eine Gewinnbeteiligung an „Viva la Vida“. Das Album wurde im vergangenen Jahr 6,6 Millionen Mal verkauft und die Band wurde bei der Grammy-Verleihung am Sonntag mit drei Auszeichnungen bedacht.

Fällt die Popwelt auf einen Akt geistiger Enteignung herein? Darüber wird nun heftig gestritten. Dass der Coldplay- Hit „substanzielle Teile“ seines eigenen Songs enthalte, wie Satriani behauptet, legen die ins Netz gestellten Parallel montagen beider Kompositionen nahe. Bei „If I Could Fly“ – veröffentlicht 2004 – handelt es sich allerdings um ein Instrumentalstück, während „Viva la Vida“ von Chris Martins Gesang geprägt ist. Trotzdem: Das Tempo ist identisch, die Akkordfolge nahezu dieselbe und auch melodisch bedient es sich ähnlicher Wendungen.

Chris Martin spricht von „reiner Koinzidenz“, die Band sei genauso überrascht gewesen wie Satriani. Martin verdankt den Song nach eigener Auskunft einer nächtlichen Eingebung am Klavier. Außerdem: Wie käme eine britische Popband dazu, den Song eines amerikanischen Stunt-Gitarristen abzukupfern, mit dem sie kulturell nicht das Geringste verbindet? Der Streit dreht sich auch um die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass es Songs unabhängig voneinander zweimal geben kann.

Mit dem Argument einer zufälligen Übereinstimmung versuchte sich auch Rocklegende Gary Moore aus der Affäre zu ziehen. Doch das Landgericht München sah es als erwiesen an, dass Moores Welthit „Still Got The Blues“ von 1990 auf eine 16 Jahre ältere Krautrock-Nummer mit dem Titel „Nordrach“ zurückgeht. Und das, obwohl der Song nie auf Platte erschienen ist. Doch Moore, der sich im Sommer 1974 in Deutschland aufgehalten haben soll, könnte den Song im Radio gehört haben. Wahrscheinlicher ist, dass er ihm durch einen Roadie zugespielt wurde, der auf einer Tour sowohl zu ihm als auch zu Jud’s Gallery als den Schöpfern des Originals Kontakt hatte.

Nach Auskunft des Musikwissenschaftlers Volkmar Kramarz, der Moore aus der fraglichen Zeit kennt, beschäftigte sich der Gitarrist intensiv mit dem Jazzstandard „Autumn Leaves“ und suchte eine eigene Melodie dafür. Auch „Hello“ von Lionel Richie, Santanas „Europe“ und „I Will Survive“ von Gloria Gaynor basieren auf dem Akkordschema des Stückes. Sie liefern verschiedene Lösungen für dasselbe harmonische Problem, das auch Moore in mehreren Songs aufgreift. Nur Jud’s Gallery, eine kleine unbedeutende Fusion- Band aus dem Schwarzwald, ändert 1974 das Akkordschema ab – und legt eine Melodie darüber, die sich später Ton für Ton in „Still Got The Blues“ wiederfindet. Kramarz hat dafür nur eine Erklärung: Moore habe „den kompletten Formteil in sich gespeichert“ und abgerufen, als er ihn brauchte. Das würde auch erklären, warum der 56-jährige Brite von keiner Schuld wissen will und in Berufung geht.

Obwohl Plagiate in der Popkultur kein Kavaliersdelikt darstellen, ist die Liste geklauter Songs endlos. Die Rolling Stones haben sich Melodien und Riffs ebenso freimütig von alten Bluesmusikern einverleibt wie Led Zeppelin. Und sie wurden reich mit Stücken, die sie als eigene ausgaben, weil sie das Original nicht gut genug kopieren konnten. Ganze Karrieren wie die von Oasis-Kopf Noel Gallagher gründen auf der raffinierten Plünderung des Poparchivs. Der „geniale Dieb“ („Rolling Stone“) verheimlicht das auch nicht. Er habe stets nur die Hände gehoben, meint das britische Popmagazin „NME“, wenn ein Plagiatsprozess gegen ihn angestrengt wurde, und habe die Anwälte amüsiert auf weitere Tatbestände hingewiesen. Gallaghers Motto: Was kann ich für die Musik in meinem Kopf.

Das ist eine weit verbreitete Ansicht. Sie mag durch die Leidenschaft gedeckt sein, mit der Musiker ihre Vorbilder be erben. Doch gehen Produzenten wie Dieter Bohlen unter dem Druck, möglichst schnell neues Material für kurzlebige Castingprojekte zur Hand zu haben, wenig zimperlich vor. Das Internetforum „Plagiate Pranger“ listet eine Fülle von Verstößen der Bohlen-Fabrik gegen die Urheberschaft auf. Bemühungen einer Anklage erhebung verliefen 2004 im Sande.

Eine neue Dimension haben Urheberrechtsverletzungen mit der Sampling- Technik erreicht. Die Einspeisung fremder Soundpartikel und rhythmischer Fragmente ist zu einfach, um sie zu scheuen. Oft ist sie als Huldigung gemeint und vom Recht der freien Benutzung gedeckt, da das Alte im neuen Produkt „untergeht“.

Die aktuellen Prozesse gegen Bushido, Prince, Lou Bega oder Coldplay deuten auf ein wachsendes Dilemma hin. Einerseits ist Popmusik als Sprache weitgehend ausformuliert und kommt um den Rückgriff auf historische Genres und Stile nicht herum. Andererseits ist sie das Ewig-Neue. Niemand kann genau sagen, aus welchen Quellen sich Popsongs speisen. Mitunter schwappen sie wie Flüsse in ein Urstromtal. Im Fall von „If I Could Fly“ und „Viva La Vida“ hat das Flussbett schon ein anderer gegraben. 1973 war das Cat Stevens mit „Love/Heaven“.

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