Grand Prix : Miss Kiss Kiss Bang: Hauptsache es klingt nicht deutsch

Es kann nur besser werden. Das dürften sich auch die Juroren der vom NDR bestellten Auswahljury gesagt haben, die nach dem Grand-Prix-Debakel im vergangenen Jahr – die No Angels wurden mit lächerlichen 14 Punkten Letzte – nun alles anders machen wollen: Mit "Miss Kiss Kiss Bang".

Kai Müller
Christensen
Alex Christensen, Oscar Loya. -Foto: dpa

Weder kriegen Songwriter-Veteranen wie Ralph Siegel („Ein bisschen Frieden“) eine weitere Chance noch verlegt man sich erneut auf eingeführte Popsternchen oder TV- Stars. Stattdessen setzt die fünfköpfige Kommission auf Bewährtes: Swing.

Alex swings, Oscar sings lautet das Motto, unter dem Produzent Alex Christensen seinen Wettbewerbsbeitrag „Miss Kiss Kiss Bang“ eingereicht hat. Musical-Darsteller Oscar Loya wird den Titel, den es bislang nur als Rohfassung gibt, beim Eurovision Song Contest in Moskau singen. Bei der „Echo“-Verleihung am 21. Februar sollen der Song und seine Macher der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Denn unbekannt sind auch die. Dafür ist das Genre altgedient.

Swing geht immer. Kein Retrotrend ist so unverwüstlich wie die Swing-Mode. Die Sänger Robbie Williams und Max Raabe verdanken ihre Karriere der historischen Reminiszenz an die goldene Jazz-Ära ebenso wie Roger Cicero, dessen Song „Frauen regier’n die Welt“ beim Eurovision Song Contest vor zwei Jahren immerhin auf dem 19. Platz landete.

Dass man sich hierzulande besonders gern schmissig-synkopierter Rhythmen eines Swing-Orchesters bedient, hat damit zu tun, dass sie so wenig deutsch klingen. Nicht erst das No-Angels-Fiasko hat die Krise offenbart, in der sich hiesige Pop-Modelle befinden. Es gibt jenseits von Kraftwerk und Rammstein keinen Typus von Glamour, Intelligenz und Energie, der international mithalten könnte. Und bezeichnend für beide ist, dass die Personen dahinter verschwinden.

Hinzu kommt, dass der Grand Prix einer Vorstellung von Pop folgt, für die es in Deutschland zwei Begriffe gibt. Nämlich Pop und Schlager. Daran kann auch Stefan Raabs Bundesvision Song Contest nichts ändern, der seit 2005 das Ernennungsmonopol der ARD mit einer Armada an deutschen Musikern zu knacken versucht, die sich als Stilisten des Pop zwar durchgesetzt haben, aber den Unwägbarkeiten eines intereuropäischen Wettkampfs nicht gewachsen sind.

Im Streit um das effektivere Auswahlverfahren hat nun wieder eine Jury das Wort gehabt: Alex Christensen gilt als versierter Produzent. Eine Reihe von Swing-Alben, die er für Paul Anka und Michael Bolton aufgenommen hat, zeichnet ihn zumindest als Kenner der Materie aus. Erfolgreichere Taten des 41-jährigen DJs, der sich Alex C. nennt, sind eine Techno-Version der Titelmelodie von „Das Boot“, ein Hit für die Casting-Band Bro’Sis sowie eine Trashdisco-Nummer namens „Du hast den schönsten Arsch der Welt“. Für den Song Contest verspricht Christensen „einen musikalischen Big Bang“, der die schlappe Selbstdarstellung deutscher Teilnehmer in den vergangenen Jahren vergessen machen soll. Für dieses Konzept hat sich der Mann mit Oscar Loya einen 29-jährigen amerikanischen Sunnyboy geholt, der steppen, tanzen und weiße Anzüge tragen kann. Mit Sexappeal wahrt man zumindest das Gesicht.

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