Große Show : Liza Minnelli: Liebe kennt kein Pardon

Maybe this time: Liza Minnelli beendet ihre Welttournee im Berliner Friedrichstadtpalast. Doch das Programm ist herzlos konzipiert, viele belanglose Songs fordern zur intimen Aneignung kaum heraus.

Thomas Lackmann
Minnelli
Umarmung. Liza Minnelli. -Foto: Davids

Am Ende der Show kommt sie doch noch, das weiße Handtuch unter ihrem wie lackiert glänzenden schwarzen Schopf um den Nacken, zurück auf die Bretter. Die stehende Ovation des treuen Publikums, dem einige Beobachter wohl gern (nach James Cagneys Beispiel in Billy Wilders Film „Eins, zwei, drei“) ein „Sitzen machen“ zurufen würden, ist zu diesem Zeitpunkt bereits der neunte Aufstand – für das Welttournee-Finale im Berliner Friedrichstadtpalast.

Als Liza Minnelli vor drei Jahren das letzte Mal auf dieser Bühne gastiert hatte, schien der Kritiker zwischen zwei Paralell-Veranstaltungen hin- und hergerissen. Einerseits registrierte er damals den Abgesang einer abgewrackten Künstlerin, die mit anbiedernden Gesten kaschierte, dass sie ziemlich fertig war. Andererseits erlebte er die „Auferstehung“ und „Überlebenstrotzanfälle“ eines Stars in seiner Schickssalsrolle, der Tingeltangel-Chanteuse Sally Bowles aus dem „Tanz auf dem Vulkan“-Film „Cabaret“. Zur Auflösung solcher Widersprüche verwies der Rezensent seinerzeit auf den Verwandlungszauber bedingungsloser Liebe im Auge des Betrachters.

Diesmal jedoch geht es der New Yorkerin, das sagte sie letzten Donnerstag, auf dem Sprung nach Uruguay, im Telefoninterview mit dieser Zeitung, so gut „wie noch nie in meinem Leben“ (Tsp vom 20. Juni). Am Montag kam sie in die Friedrichstraße.

Vielleicht muss diesmal alles ganz anders werden. Allerdings ist der Riesensaal, vermutlich wegen astronomischer Ticketpreise, nur halb gefüllt. Europas größtes Revuetheater distanziert sich offenbar von dem Gast-Event „auf der Vorbühne“ und bittet per Ansage aus dem Off, Fragen zum Konzert nur an die veranstaltende Agentur zu richten. Versammelt haben sich zwei Fan-Kontingente: eine zum Äußersten entschlossene Gay Community und all jene kampferprobten Heteros, die mit der Stehauf-Diva eigene Reifungsdekaden samt Erinnerungs-Assoziation zelebrieren – den brüchigen Hollywood-Mythos der Minnelli-Mama Judy „Over the Rainbow“ Garland, den göttlich dekadenten Survival-Furor der Sally „Life is a Cabaret“ Bowles inmitten ihrer Katastrophen-Epoche und all die überstandenen Sucht-, OP- und Ehedramen dieser 62-Jährigen hier on stage. Ein Drittel ihrer Songs sind Standards; keiner dieser Klassiker würde freilich, so unscharf aufgeführt, Jubel auslösen, wäre den Enthusiasten nicht die gültige Version vertraut – ein Karaoke aufbereiteter Gefühle. Am Anfang schleichen noch „Fotos verboten“-Warner durchs Parkett. Am Schluss ist die Nacht des Abschieds von kalten Blitzen erhellt, gleich wird der Showdown online gestellt. Liebe kennt kein Pardon.

Es liegt nicht an der Akustik, dass Frau Minnellis Stimme an diesem Abend oft den Ton verfehlt und entweder kollert, knödelt oder Reibeisen-Timbre produziert. Wo der Pianist und Bandleader ihrer präzisen Altherrencombo mitsingt, ist er klar zu verstehen. Ihre Artikulation klingt mühselig, als verberge sich eine Cocktailkirsche unter der Zunge. Sie braucht Kraft, Widrigkeiten zu überspielen, das Pensum zu bewältigen, für persönliche Anverwandlung bleibt kaum Energie. Sie zeigt drei Gesten: den emphatischen Armschwung, den Lady-Liberty-Finger himmelwärts („New York, New York“) und das scheue Rudern jener kessen Frau, deren Girlie-Nimbus ihr Verhängnis bleibt. Sie trägt schwarze Glitzer-Paillette und Hosen. Holt sich den Regie-Stuhl, nippt am „Kaffee“-Pott. Schnuppert an gelben Rosen. Zehn Sträuße werden offeriert. Küsschen sucht sie abzuwenden.

Das Programm ist herzlos konzipiert, viele belanglose Songs fordern zur intimen Aneignung kaum heraus. Wer Liza Minnelli gern hat, wünscht ihr eine Dramaturgie, der sie ihre Vita anvertrauen könnte. Wir Voyeure dürfen hier keinen Weg zurücklegen, nicht zur Katharsis durchstoßen. Selbst die Geschichtchen schöner Songs bleiben auf der Strecke. „Was er in mir sieht, bin ich nicht“, heißt es in dem lakonischen Liedchen „He’s Funny That Way“. Unzählige Sängerinnen haben es anrührend geträllert; Liza zieht ihre drei Register, walzt subtile Beziehungs-Pointen platt. Auch bei „I Can’t Give You Anything But Love“ lässt sie Emotion nicht zu. Ihre „Cabaret“-Selbstläufer sind Zitate, das Sehnsuchtsgebet „Maybe This Time“ bleibt ein frommer Wunsch: Vielleicht läuft mir das Leben diesmal nicht davon.

„Dich werde ich sehen, an all unsern vertrauten Orten – in jedem schönen Sommertag, in allem was hell und heiter ist. So denke ich immer an dich. Ich finde dich in der Morgensonne und wenn es Nacht wird, schau ich zum Mond, aber sehen werde ich dich.“

Als Liza Minnelli abgerüstet – T-Shirt, Handtuch, Turnschuhe – zurückkommt , singt sie warm, ruhig, a capella „I’ll Be Seeing You“, die inbrünstige Ballade verwehten Glücks, unverlierbarer Yesterday-Halluzination. Vorher hatte sie behauptet: „You are my family!“ Eine abgewetzte Floskel, klar. „God bless you, Liza!“, ruft ein Verehrer.

Aber wie sie da nun steht, mit dünnen Beinchen, einsame kleine Dame an der Rampe des Kitschbetontempels der DDR-Musen, hat sie für diesen kurzen großen Drehbuch-Moment unser ganzes Herz.

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