Pop : Halt dich fest

Amy Winehouse im Berliner Tempodrom

H. P. Daniels

Warten im ausverkauften Tempodrom. Wird Amy Winehouse nach unzähligen wegen Erschöpfung, Alkohol und Drogen abgesagten Konzerten heute in Berlin auftauchen? Kurz vor zehn wird der schwarze Vorhang gelüftet. Dahinter stehen Wohnzimmerstehlampen und eine elegante Band in schwarzen Anzügen: Schlagzeug, Bass, Keyboards, Gitarre, Bläsergruppe, zwei Tanzsänger. Und „Ladies and Gentlemen: Amy Winehouse!“

Tatsächlich! Die als großes neues Jazz- und Soul-Talent gefeierte Londonerin trägt ein kurzes rotes Korsagekleidchen, in der Taille eng geschnallt mit einem schwarzen Gürtel, und auf dem Kopf einen enormen Haarturm, wie eine Bärenfellmütze der königlichen Garde. Dass die 24-jährige Sängerin auch als Songschreiberin große Begabung hat, ist zu hören auf den beiden Alben „Frank“ und „Back To Black“. Zurück zum schwarzen Soul der 50er und 60er Jahre, modern aufgemotzt.

Heute klingt die Stimme allerdings merkwürdig verhalten. Alles wirkt künstlich, klinisch, steril. Ohne Feuer und Leidenschaft, ohne Freude. Müde. Lustlos. Wie programmiert singt Amy Winehouse ihr Programm runter, zu sich automatenhaft wiederholenden Bewegungen: Fludern in den Haaren, Grabbeln am Dekolleté, Lüpfen des Röckchens. Sie hält sich am Mikrofon fest, hält sich an sich selbst fest, wo kaum ein Halt ist, Hände und Arme immer eng am Körper. Hustet zwischen den Strophen und sieht nicht glücklich aus. Der Rest ist Routine. Sie singt die Songs vom neuen Album und ist nicht dabei, vermasselt Einsätze und setzt wieder neu an. „Cupid“ von Sam Cooke als Reggae, und plötzlich mittendrin, es ist, als hätte sie einen Schalter umgelegt, wacht etwas auf in Amys Seele, plötzlich ist da Ausdruck und Gefühl. Und wie zum Trotz gegen alle Alkohol- und Drogenprobleme setzt sie noch einmal eine rasante Version ihres Hits „Rehab“: „They tried to make me go to rehab I said no no no!“ Jetzt könnte es losgehen, aber es ist vorbei. Nach zehn Songs und fünfzig Minuten. Ein Jammer.

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