Pop : Heiße Lippen, kalter Wind Angelika Kirchschlager

in der Philharmonie

Christine Lemke-Matwey

Und plötzlich, nach einer ersten zaghaften Arie aus Franz von Suppés „Boccaccio“, fällt es einem wie Schuppen von den Augen und aus den Ohren: Genau so könnte es sich anfühlen – das Ende. Das Ende unseres Musiklebens, das Ende, ach was, des ganzen großen herrlich-reichen Abendlandes. Zwei internationale Sängerstars geben sich die Ehre – und die Berliner Philharmonie sieht sich kaum zu einem Viertel voll. Operette steht auf dem Programm, bester Herzschmerz also von Johann Strauß bis Kálmán – und außer, pardon, ein paar Nostalgikern der Generation 70+ (nebst Verwandten-Bekannten der aufspielenden „Neuen Philharmonie Westfalen“) lockt das niemanden mehr hinterm Laptop hervor. Zahnlos gähnt das Riesenmaul des Saals, der Zugwind in Block A lässt Seelen frösteln.

Vor Schreck bleibt der Mezzosopranistin und Österreicherin Angelika Kirchschlager erst einmal die Stimme weg. Dies freilich erweist sich als Lapsus, und überhaupt ist Kirchschlager eine viel zu lebenskräftige Person, als dass sie sich durch ein unprofessionelles Tourmanagement die Lust am Dreivierteltakt und die Singlaune verderben ließe. Ihr Podiumspartner indes, der Brite und Bariton Simon Keenlyside, hält damit nicht hinterm Berg. Mit unverfrorener Miene starrt er ins Publikum, nestelt gelangweilt an seinem Frack herum, während Kirchschlager Lehárs „heiße Lippen“ beschwört, und würdigt sie zum „Mia bella fiorentina“-Duett keines Blickes. So viel zum neuen „Traumpaar der Operette“, auch wenn dieses sich nach der Pause ein wenig zusammenrauft.

Das Orchester wiederum übt sich unter der wenig ambitionierten Leitung von Alfred Eschwé in geschützesdonnermäßigem Lärmen. Überhaupt sind derartige Mesalliance-Tourneen heikel. Kirchschlager jedenfalls scheint hier die Einzige zu sein, die eine Ahnung, ein Gespür, ja auch das richtige Gemüt für die hohe Kunst der Operette besitzt. Selbst wenn die Höhen ihres lichten, bestrickend natürlichen Mezzos an diesem Abend etwas fransig wirken und fahl: Die Innigkeit und backfischfrische Freude, mit der sie ein G’stanzl wie „Draußen in Sievering blüht schon der Flieder“ anpackt, sie machen den Verlust nur umso deutlicher. Den Verlust eines Lebensgefühls, das zum Tanz auf dem Vulkan aufruft; den Verlust jeder Grazie angesichts des wechselnden Grauens.

In diesem Sinne passte kaum ein Genre so gut in unsere post-postmoderne Zeit wie jene ach so leichte Muse. Interpreten wie Simon Keenlyside allerdings dürften hier wenig verloren haben. Denn wo der Charme fehlt und aller stimmlicher Eros und Schmäh und der Mut zur Unschärfe – da ist das Ende nahe. Und da hilft es auch nichts, das Ganze flankierend auf CD zu pressen. Christine Lemke-Matwey

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