Herbie Hancock : Das Staunen über die erste Begegnung

Herbie Hancock vereint auf seinem Album „The Imagine Project“ Popstars aus vier Kontinenten.

Stefan Hentz
Herbie Hancock
Herbie HancockFoto: dpa

„Musik“, sagt Herbie Hancock, „überwindet die Barrieren zwischen den Menschen und spricht Bereiche an, die allen Menschen gemein sind. Es geht bei diesem Album um Frieden, um Frieden durch globale Zusammenarbeit“. Mehr muss er nicht sagen, um das Programm zu erläutern, das hinter dem „Imagine Project“, der neuesten Unternehmung des Pianisten steht. Frieden. Globale Zusammenarbeit. Barrieren überwinden, Bereiche ansprechen, die allen Menschen gemein sind.

Hancock spielt eine zarte Einleitung, einige gebrochene Harmonien, die mit raffinierten Dissonanzen sanft am deutlich abgesteckten harmonischen Fluss rütteln, ein paar romantisch perlende Schnörkel, bevor sein Spiel in John Lennons Hymne „Imagine“ einbiegt, zunächst von der US-Popsängerin mit zartem Schmelz vorgetragen, dann gesellt sich die Stimme von Seal zum Duett dazu. Das Intro mündet in eine ausgewachsene Bandversion mit India-Arie am Mikrofon, der die kongolesische Band Konono No. 1 einen deutlichen Schlag in Richtung Afro-Beat verpasst. „Imagine all the people, sharing all the world“, heißt es im Text. Herbie Hancock sucht die Gemeinsamkeit.

Im Jazz ist Herbie Hancock, der im April seinen 70. Geburtstag feierte, eine Eminenz, einer der letzten Überlebenden der klassischen Blütezeit des Genres, ein Star, seit er 1963 im Quintett von Miles Davis anheuerte. In den fünf folgenden Jahren entwickelte er an der Seite von Davis’ ein Gegenmodell zum Free Jazz: verwurzelt in der Grammatik des tonal gebundenen Jazz, aber jederzeit bereit, deren Regeln gegen den Strich zu bürsten. Hancock war jung und neugierig, er drängte weiter, über den Rahmen des Jazz hinaus, er unterstützte Davis’ Wendung zum elektrifizierten Instrumentarium und zu kinetischen Beats.

Mit seiner eigenen Band wandte er sich radikal von den Songstrukturen ab und stimmte sich auf die Trancewirkung des Rhythmus ein. Lange her. Später kehrte er zum Flügel zurück, spielte straight swingenden Jazz, schwelgte in der Schönheit romantisierender Harmonien, schrieb den instrumentalen Welthit „Rockit“, und im vergangenen Jahr konzertierte er mit dem Klassik-Star Lang Lang. Hancock ist einer der Musiker, die das „anything goes“ von der Erkenntnistheorie in die musikalische Praxis übertragen.

Im Vergleich zu „Possibilities“, dem Album, auf dem Hancock vor fünf Jahren bereits mit diversen wechselnden Sängern eine Reihe von Popsongs einspielte und „River: The Joni Letters“, einem Album mit rein akustischen Bearbeitungen von Joni-Mitchell-Songs, das die Perspektive eines improvisierenden Jazzmusikers ins Recht setzte und für das der Pianist vor drei Jahren einen Grammy verliehen bekam, führt das „Imagine Project“ Pop und Improvisation näher zusammen. Hancock tritt als Instrumentalist weit in den Hintergrund, von ferne hört man sein Spiel immer wieder funkeln. Aber der Ausgangspunkt ist Pop, im Zentrum stehen Songs wie Peter Gabriels „Don’t Give Up“, Bob Dylans „The Times, They Are A’Changin’“ oder Sam Cookes „A Change Is Gonna Come“, die zur Botschaft passen.

Herbie Hancock nimmt sie nicht als Startrampe für seine eigene Improvisationskunst, sondern lässt in der unverhofften Begegnung musikalischer Weltbilder die Funken sprühen. Wenn die Sitar-Virtuosin Anoushkar Shankar auf Hancocks altem Freund und Kollegen Wayne Shorter trifft, die Wüstensöhne von Tinariwen auf die Latinorocker Los Lobos, Touareg also auf Los Angeles, die malische Sängerin Oumou Sangaré auf den alten Gitarren-Fahrensmann Jeff Beck dann entwickeln die vertrauten Songs einen ganz neuen Charakter.

Alle sind gleich im „Imagine Project“: Pop und Jazz und Blues, maghrebinische und schwarzafrikanische, irische und indische und lateinamerikanische Idole, Klangvorstellungen, Rhythmen. Und die Aufnahmen, die in seit Februar 2009 in zahlreichen Studios zwischen Mumbai, Paris und Los Angeles eingespielt wurden, atmen bei aller Konsistenz der Songform immer noch ein Stück Freiheit aus der Improvisation. Es sind keine polierten Pop-Candies, sondern lebendige Songs, die noch das Erstaunen der ersten Begegnung im Aufnahmestudio vermitteln. „Das Schöne ist, dass die Stücke so offen geworden sind, dass jeder die Kulturen, die nicht seine eigenen sind, respektiert.“

So könnte es unter den Musikern durchaus gewesen sein, und dennoch bleibt die Frage offen, ob nicht einige gleicher sind. Ob diese Songs die gemeinsame Botschaft von gleichberechtigter globaler Zusammenarbeit transportieren und nicht doch die überwältigende Macht der angloamerikanischen Popmusik widerspiegeln, die mit ihrem Backbeat und ihrem europäisch geprägten Verhältnis zur Tonalität alle erdenklichen Nebengeräusche aufzusaugen und damit ihre eigenen Reize zu verstärken versteht. Globalisierung von oben? Oder von unten?

Herbie Hancocks Album „Imagine Project“ ist bei Sony erschienen. Am 14. Juli gibt er mit seinem Quintett im Schlosspark Neuhardenberg ein Open-Air-Jazzkonzert.

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