Hiphop : Negativ wird positiv

Deutscher Hiphop entwickelt sich zur Hasskultur. Freundeskreis demonstrieren, wie es anders geht.

Sebastian Handke
Genial, aber faul.
Genial, aber faul. Max Herre (li.) und seine Kollegen von Freundeskreis. -Foto: promo

Hiphop ohne Hass – man hatte fast vergessen, dass sowas überhaupt möglich ist. Großmäuligkeit und Hinterhof-Machismo, Stolz, Gewalt, Frauen- und Schwulenverachtung sind heute die Kernzutaten deutschsprachigen Hiphops. Nichts gegen einen kräftigen Schlag aufgemuskelter Ghetto-Wut aus Plattenbauten und Sozialbaufestungen – es sind andere Lebenswelten, die sich Rap heute als Sprachrohr zu eigen machen.

Hiphop aber war immer mehr als nur Prahlerei. Und waren da nicht auch hierzulande mal ganz andere Stimmen jenseits der Gangster-Posen von Sido, Fler oder Bushido zu hören, aber doch ernsthafter als der Spaß-Rap von Fettes Brot und den Fantastischen Vier? Es gab sie durchaus; Stuttgart war ihre Stadt, Kolchose ihr Cliquen-Name: Massive Töne, Sékou und Afrob, die lose angeschlossenen Gentleman und Joy Denalane, aber vor allem: Max Herre und sein Freundeskreis. Sieben Jahre sind Max (Rap), Don Philippe (Musik) und Friction (Beats) nicht mehr gemeinsam aufgetreten, jetzt begehen sie ihr Zehnjähriges mit einer Festival-Tour und einer Jubiläums-Platte. Erfolgs- und Lieblingsstücke, Live-Mittschnitte und eine einstündige Dokumentation finden sich auf „FK 10“, aber auch drei neue Songs sind darunter: „Dabei ist Hiphop so was Positives/ Kids wandeln ihre negativen Energien in was Produktives/ Ob’s auf ’ner Wand, auf dem Boden oder auf ’nem Beat ist/ Es ist ein Ausdruck von Hoffnung, Mann, und ich lieb es“, heißt es in „Prinzip Hoffnung“. Zeilen, die den Geist des Hiphop, wie man ihn in der Kolchose verstand, auf den Punkt bringen. Und Max Herre kann solche Reim- und Silbenungetüme, beharrlich näselnd, mit anständigem flow zum Vortrag bringen?

Es war immer leicht, sich lustig zu machen über den „Gymnasiasten-Rap“ der Schwiegersöhne aus dem Ländle, den „Jesus von Benztown“, wie Bravo einmal Frontmann Herre betitelte. Das Etikett der reimenden Mittelständler haftet an Freundeskreis genauso fest wie an den Fantastischen Vier, dabei liegen Welten zwischen den beiden schwäbischen Exportschlagern: Die Fantas gehörten nie zur Stuttgarter Hiphop-Szene, Freundeskreis waren ihr Mittelpunkt. Mehr noch: die Szene definierte sich sogar ausdrücklich als Gegenbewegung zu den Spaß- Rappern. „Wir wollten nicht deutschsprachigen Rap machen, sondern Hiphop auf Deutsch“, sagt Max Herre rückblickend. „Hiphop, das bedeutete Teil einer Jugendkultur zu sein, zu der Graffiti, Breakdance, DJs und Rap gehört.“

Freundeskreis sind nicht bloß gewissenstreue Hippie-Hiphopper, sondern ein deutscher Ausleger der Native- Tounge-Bewegung, die in den USA von Gruppen wie A Tribe Called Quest oder De La Soul begründet wurde. Die rappten weniger für die Straßen der Ghettos als für die Wohnzimmer der schwarzen Mittelschicht, ihre Texte galten als „conscious“, weil sie politisch waren und geschichtsbewusst, und sie pflegten einen experimentellen, aber lässigen Stil, der sich seine Samples vor allem im Jazz zusammensuchte.

Was heute in der linken Protestkultur um Attac selbstverständlich ist, war in Deutschland zur Gründsungszeit der Kolchose ungewöhnlich. Nicht nur Liebeslieder wie „A-N-N-A“ und „Mit Dir“ fanden durch Freundeskreis ihren Weg in die Charts, auch verschrammelter Roots- Reggae, nackter Oldschool-Hiphop und multi-lingualer „Conscious-Rap“ mit teils recht naiven politischen Texten. „Über manches kann man heute lächeln. Aber es steht für seine Zeit. Wir sind da mit uns im Reinen“, sagt Herre.

Die Ernsthaftigkeit, mit der Freundeskreis ihr Tun verrichten, lässt wenig Raum für Humor oder Ironie, hat aber doch eine gewisse Leichtigkeit, weil sie von der Liebe zur Musik getragen wird. Max Herre kam zum Rap nicht weil ihm die Attitüde gefiel, sondern als Musiker, der ein Sprachrohr suchte, das er schließlich im Hiphop fand. „Heute ist Hiphop eher ein Style- und Modeding, und den meisten Sachen hört man das auch an.“ Von Beginn an treten Freundeskreis vorzugsweise mit Liveband auf. Ein vorzügliches Ensemble scharten sie um sich. 1999, im goldenen Jahr des deutschen Hiphop, spielt man als FK Allstars vor bis zu 80 000 Zuhörern.

Ein Jahr später nahmen sich Max Herre, Don Philippe und Friction eine Auszeit. Sie hält bis heute an. Die Musiker verfolgen eigene Projekte. Auch „FK 10“ soll nicht mehr sein als ein kleines Sommer-Revival. In Hiphop-Foren kommt es dennoch zu Generationskonflikten: „schwul“ und „filzig“ wirken Freundeskreis auf jene, die sich an den Proll-Hop des Berliner Aggro-Labels gewöhnt haben. Jugendliche, die ihre Eltern und Lehrer noch mal so richtig erschrecken wollen, versorgt das Berliner Label zuverlässig mit dafür geeigneten Texten. In dieser Woche zog Aggro-Rapper B-Tight Aufmerksamkeit auf sich: Das afrodeutsche Hiphop-Kollektiv Brothers Keepers, dass sich nach dem Mord an dem Mosambikaner Alberto Adriano gründete, forderte das Label auf, den Vertrieb der Platte „Neger Neger“ einzustellen. Derweil verbreitet Label-Kollege G-Hot seine Botschaft an die „Untermenschen“ bereits kostenlos über das Internet: „Meiner Meinung nach hat so was kein Leben verdient/ haltet zusammen und schneidet ihnen den Schwanz ab/ keine Toleranz, wir dulden keine Schwuchteln“ („Keine Toleranz“). Ob diese offensive Menschenverachtung nur Pose oder Überzeugung ist, spielt für die ihr innewohnende Konfrontationsdynamik keine Rolle. Die Empörung ist bereits mitgedacht.

Max Herre, der heute mit Joy Denalane und zwei gemeinsamen Söhnen in Charlottenburg lebt, muss feststellen, dass er eine Jugend, die sich eher für Handys und Spielkonsolen interessiert als für Musik, nicht mehr recht versteht. Und dennoch: „Wir sind zwar die Godfather des deutschen Rap. Aber wir sind auch die Youngsters.“ Ob dem wirklich so ist, das lässt sich bei dem bescheidenen Arbeitspensum des Trios kaum ermessen. Was sich allerdings schmerzlich zeigt: Einen Nachfolger hat die musikalisch bewanderte, ernsthaft-verspielte Weltläufigkeit von Freundeskreis nicht gefunden. Der deutsche Hiphop ist in einem jämmerlichen Zustand.

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