HIT Parade : Calexico gehen wieder an die Grenze

Calexico sind diese Woche auf Platz 18 mit "Carried to Dust". Das Leitmotiv der 15 Stücke ist die ziellose Reise eines Drehbuchautors während des Streiks in Hollywood.

Philipp Lichterbeck
Calexico
Calexico -Foto: Promo

Calexico hat 37 552 Einwohner und die höchste Arbeitslosigkeit Kaliforniens. Es war dort am Donnerstag 36 Grad heiß und am Mittwoch haben die Cops wieder einen Tunnel ausgehoben, durch den Drogen aus Mexiko herübergeschmuggelt werden sollten. Calexico liegt im Imperial Valley an der Grenze zum südlichen Nachbarn. Von seiner ungleichen Schwester Mexicali auf der anderen Seite trennt es ein stählerner Zaun, fünf Meter hoch.

Wer seine Band also nach diesem Kaktuskaff benennt, der möchte seine Musik auch als geografisch-politisches Statement verstanden wissen. Schon mit den ersten Alben „Black Light“ und „Hot Rail“ schickten Sänger Joey Burns und Schlagzeuger John Convertino ihre Hörer in die Wüste: Mariachis, Marimbas, spanische Texte. Obwohl diese von Flüchtlingen handelten, sahen Kritiker vor dem inneren Auge einen Spaghettiwestern ablaufen: Outlaws, Skorpione, Señoritas. Nach dem kommerziellen Erfolg dieser Masche mit „Feast of Wire“ kamen Bandleader Burns und Convertino in die kritische Phase der Neufindung. Das depressive Rockalbum „Garden Ruin“ war die Folge. Fast schon entschuldigend wollte Burns es als Ausdruck der Verzweiflung am Amerika George W. Bushs verstanden wissen.

Nun ist Aufatmen angesagt. Nach zahlreichen Gastauftritten (etwa im Bob-Dylan-Film „I'm not there“) geht die siebenköpfige Truppe aus Tucson, Arizona, wieder an die Grenze. Zwar schrillt gleich beim ersten Song die Grönemeyer-Glocke. Doch „Victor Jara’s Hands“ über den ermordeten chilenischen Protestsänger ist kein Betroffenheitsgepresse, sondern pure Poesie. Das Leitmotiv der 15 Stücke ist die ziellose Reise eines Drehbuchautors während des Streiks in Hollywood. Sie führt durch den US-Südwesten und über das Blättern in vergilbten Zeitschriften auch nach Valparaiso und New Orleans. Burns zupft die Saiten, Convertino schwingt den Besen, die Trompeten singen, das Akkordeon seufzt. Sogar eine Wölbbrettzither und ein Glockenspiel haben hübsche Einsätze. Dazu weht Burns’ Flüstergesang wie warmer Wind herüber. Wenn er pausiert, wirbeln die Chanteusen Pieta Brown und Amparo Sánchez ein wenig Staub auf. Wie einst beschwören Calexico die mythisch aufgeladene Grenzlandschaft, und plötzlich laufen auch wieder Filmszenen ab. Es ist bloß nicht der zigarillokauende Clint Eastwood, den man sieht, sondern Tommy Lee Jones, traurig-entschlossen.

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