HIT Parade : Colbie Caillat

Diese Woche auf Platz 15 mit: „Coco“.

Ralph Geisenhanslüke

Colbie Caillat hat’s gut: Sie hat über 200.000 Freunde. Natürlich muss sie nicht alle persönlich kennen. „Freunde“, das sind auf der Internet-Seite My Space Leute, die einen gut finden. Und My Space war gut für Colbie Caillat. Nachdem eine unfassbare Menge von Menschen dort ihre Lieder gehört hatte, bekam sie einen Plattenvertrag und die Platte ist natürlich ein Mega-Erfolg.

MySpace galt bei seiner Gründung 2003 als Prototyp eines „Sozialen Netzwerks“, in dem die Inhalte von Nutzern kamen. Das Besondere: Die Nutzer definierten sich über ihren Musikgeschmack. Weniger sozial ist, was mit My Space geschah, seit Rupert Murdoch es 2005 kaufte. Nicht umsonst hatte der Medienunternehmer 580 Millionen Dollar hingeblättert. Seitdem ist immer weniger von Gemeinschaft die Rede, dafür umso mehr von Marketing. All dieses Zukunftssprech, in dem Communities nur noch „kreiert“ werden, damit das Targeting besser funktioniert. Inzwischen kommen bei My Space allein aus dem Deal mit Google Werbeeinnahmen in Höhe von 900 Millionen Dollar rein, den Sprachblasen folgen im Internet schnell die Finanzblasen. Alle wittern den Teen Spirit, denn praktisch jeder US-Jugendliche hat sich dort mit detaillierten Angaben registriert.

Natürlich werden die Spaces inzwischen von Plattenfirmen und Managern gepflegt. Zum Aufbau von Hypes eignen sich Portale wie My Space nämlich perfekt. Was früher auf dem Pausenhof angesagt war, heißt heute „virales Marketing“, nur sprechen die Leute weniger miteinander, sondern klicken sich durch irgendwelche Listen und Bilder. Mittlerweile hat der Markt drumherum schon bizarre Formen angenommen. Verzweifelte Eltern können Erziehungsratgeber für die „My-Space-Pubertät“ kaufen und für ältere Herren, denen das Internet vielleicht fremd ist, gibt es „Playboy“-DVDs mit „My Space“-Playmates. Vor allem aber: Ratgeber zur Selbst-Vermarktung.

Colbie Caillats Musik klingt wie etwas, das bei Starbuck’s läuft. Singer-Songwriter-Sound mit Frauenstimme. Ihr Vater war früher Produzent von Fleetwood Mac. Die Videoclips zeigen eine Barfuß- Jeans-Frau mit Akustik-Gitarre, die das Strandleben genießt. Colbie Caillat ist 22 und stammt aus Newbury Park, Kalifornien. Wenn sich nächstes Jahr niemand mehr an sie erinnert, bleibt ihr immer noch der Strand. Ralph Geisenhanslüke

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