HIT Parade : Herbie Hancock

Diese Woche auf Platz 125 mit: „River – The Joni Letters“

Ralph Geisenhanslüke

Bei seinem ersten Konzert trägt der Knabe kurze Hosen. Mit ernstem Gesicht betritt er die Bühne, setzt sich in an den Flügel, lässt seinen Blick einmal durch den Saal schweifen, über die erwartungsvollen Gesichter in den ersten Reihen, die vollbesetzten Ränge – und erstarrt beinahe vor Angst. Herbie Hancock ist zwölf Jahre alt, als er mit dem Chicago Symphony Orchestra Mozarts Klavierkonzert Nr. 5 spielt. Ein Wunderkind.

55 Jahre später steht sein Name auf mehr als 200 Alben. Er zählt neben Miles Davis, mit dem er lange spielte, zu den Jahrhundertgenies des Jazz. Trotzdem denkt Hancock zunächst nicht daran, Musiker zu werden. Die Eltern hatten ihren Lebensmittelladen durch Kriegswirren verloren, der Vater jobbt als Taxifahrer, wird schließlich Fleischinspekteur in den Schlachthöfen von Chicago. Der Sohn studiert etwas Solides: Elektrotechnik.

Doch sein Talent, gepaart mit pianistischer Disziplin, die er seit dem siebten Lebensjahr trainiert, lässt sich nicht geheim halten. Donald Byrd und Coleman Hawkins werden auf ihn aufmerksam. Ehe er sich versieht, ist Herbie Hancock mittendrin in der brodelnden New Yorker Jazz-Szene. 1962, mit 22, veröffentlicht er sein erstes Album beim Label Blue Note. Gleich das Debüt enthält einen der größten Hancock-Hits, bis heute ein unverwüstlicher Tantiemenbringer: „Watermelon Man“, der in Hunderten von Versionen nachgespielt wurde.

Doch für Hancock ist Jazz kein esoterisches Reservat, in dem die Geschmackspolizei das Sagen hat, sondern – falls man überhaupt in solchen Kategorien denken will – eine Geisteshaltung. Eine möglichst offene. Außerdem darf die Musik auch ihren Schöpfer und seine Familie ernähren. Hancock kennt keine Berührungsängste zu Film- und Werbemusik. „Maiden Voyage“, ein weiterer seiner Klassiker, entstand ursprünglich für eine Parfümreklame. Und so, wie Miles Davis es auch getan hätte, spielt auch Hancock selbstverständlich immer mit den Größen seiner Zeit. Auf seinem letzten Album „Possibilities“ geben sich Sting, Christina Aguilera, Annie Lennox und Santana die Klinkenstecker in die Hand.

„River...“ ist ebenfalls ein All-Star-Album, gewidmet Joni Mitchell. Joni, die Woodstock-Ikone, die es Gott sei Dank nicht ganz bis Woodstock schaffte, hat nach langer Abstinenz parallel zu Hancock ein neues Werk veröffentlicht. Beide Alben sind nicht gerade kommerzielle Senkrechtstarter. Aber das werden die Künstler wohl verschmerzen. Auf Hancocks Album jedenfalls schimmern viele von Mitchells Song-Perlen in neuem, unerhörtem Glanz. Und wenn bei „The Jungle Line“ Leonard Cohens papiertrockener Existenzialistenbariton über Hancocks Akkorden zu vibrieren beginnt, am Ende dieser „Safari to the heart of all that Jazz“, dann weiß man: Herbie Hancock ist noch immer ein Wunderkind. Ralph Geisenhanslüke

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