HIT Parade : Ich + Ich

Bei Ich + Ich läuft vieles ein wenig anders. Vor knapp einem Jahr erschien ihr zweites Album "Vom selben Stern", aber es hat 49 Wochen gedauert, bis es Platz eins erreichte.

Ralph Geisenhanslüke

Der normale Verlauf für ein Nummer- eins-Album hat sich in den letzten Jahren etwa so eingependelt: Eine Woche nach Veröffentlichung steigt der Titel auf Platz eins der Charts ein. Danach fallen die Notierungen wie die Aktien der Telekom. Denn oft handelt es sich bei Von-nullauf-eins-Wundern um Produkte, in die bloß immense Marketingmittel investiert werden. So wie letzte Woche bei Sido (diese Woche runter auf Platz 5) und voraussichtlich nächste Woche bei Coldplay. Die medial aufgebaute Spannung erreicht zum Veröffentlichungstermin ihren Höhepunkt: Die Zielgruppe erhält einen Kaufbefehl und befolgt ihn. Danach passiert nicht mehr viel. Doch erst dann entscheidet sich, ob die Songs sich in unser aller Ohren festsetzen.

Bei Ich + Ich läuft vieles ein wenig anders. Vor knapp einem Jahr erschien ihr zweites Album, aber es hat 49 Wochen gedauert, bis es Platz eins erreichte. Man kann allerdings nicht behaupten, es sei ein Schläfer: „Vom selben Stern“ wurde in Deutschland öfter verkauft als „Back To Black“ von Amy Winehouse. Drei Mal Platin – das entspricht 600 000 verkauften Exemplaren – erreichte das Duo bereits.

Annette Humpe ist eine Institution als Musikerin und Produzentin. Gemeinsam mit ihrer Schwester Inga (2raumwohnung) ist sie seit den Achtzigern am Puls der deutschsprachigen Popmusik. Adel Tawil, als Sohn eines Ägypters und einer Tunesierin in Berlin geboren, hatte zuvor eine eher unauffällige Karriere als HipHopper, aber er kann singen wie Xavier Naidoo ohne Tremolo. Ihr gemeinsames Ringen um die Songs ist diesen durchaus anzuhören. Sie klingen irgendwie deutsch und sind es auch: Wertarbeit. Nichts für den schnellen Bohlen-Kick, sondern haltbar auch auf längere Sicht.

Ich + Ich machen vieles richtig, was dafür sorgt, dass ihre Musik über den Tag hinaus bleibt. Sie haben Mut zu großen Worten und feinen Unterschieden. Jeder ihrer Texte ist ein kleines Gefühlsgemälde. Es liegt wohl an der ungewöhnlichen Begegnung von Jugend und Reife, die das ermöglicht. An der wundersamen Vereinigung zweier Egos, deren Geburtsdatum 28 Jahre auseinanderliegt, deren Musik aber zeigt, dass Jugend keine Frage des biologischen Alters ist. Ralph Geisenhanslüke

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