HIT Parade : Interpol

Diese Woche auf Platz 70 mit: „Our Love To Admire“

Ralph Geisenhanslüke

Bei Kinofilmen gilt es als unverzeihlich, den Schluss zu verraten. Aber im Fall eines Videoclips, ist es wohl okay. Eigentlich passiert auch nicht viel in den Bildern zu „The Heinrich Maneuvre“. Die dreieinhalb Minuten laufen komplett in Zeitlupe. Sie zeigen die letzten gefrorenen Augenblicke im Leben einer Frau, einer puppenhaft lächelnden Blonden, die auf der Straße ihr Make-up kontrolliert und den Lippenstift nachzieht. Ein Mann neben ihr, Businessanzug, entleertes Gesicht, telefoniert mit seinem Handy. Die Szene spielt vor einem Hotel oder Restaurant. Aus dem Hintergrund sieht man einen Kellner herbeilaufen, der das Unglück kommen sieht. Der Text des Songs zitiert aus den Floskeln, die der Mann am Telefon absondert: „How are things on the west coast?“ Traurig, wenn das die letzten Worte sind, die man im Leben zu hören bekommt. Dann wird die Frau von einem Bus überfahren. Aber als das geschieht, ist der Bildschirm schon schwarz. Ist ja kein Film von Tarantino.

Interpol sind eine Zeitmaschinenband, die direkt aus den frühen Achtzigerjahren in die Gegenwart gebeamt wurde. Spontan denkt fast jeder, der sie hört, an The Smiths, Depeche Mode, den damaligen David Bowie und besonders an ihren stärksten Einfluss: Joy Division, die Band um den lebensmüden Sänger Ian Curtis. Interpol wurden in letzter Zeit sogar fürs Fernsehen entdeckt: In „Grey’s Anatomy“ und „Six Feet Under“, einer Krankenhaus- und einer Beerdigungs-Serie, lieferten sie die richtige Grabesstimmung.

Ihr Wohnort scheint das einzig Amerikanische an den vier New Yorkern zu sein. Paul Banks und Daniel Kessler, die beiden Sänger und Gitarristen, sind gebürtige Briten. Sie lieben korrekte Anzüge und rätselhafte Posen. Wie 80/81 ist die Leitfarbe schwarz. Sei es bei der schwarz bedruckten, informationsfreien CD oder bei der gesamten Gemütslage dieser depressiven Dandys, die sich in Texten über Gruppensex oder innere Ödnis nach einem Koks-Exzess grämen. Kaum ein Solo oder Schlagzeugbreak hat Platz in diesen Mini-Dramen, die bei allem Pathos erfrischend klar und diszipliniert klingen. Mit anderen Worten: Gruft-Rock für Erwachsene. Ralph Geisenhanslüke

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