HIT Parade : Sido und seine Maske

Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks …? Sido hat sein wichtigstes Requisit, die Totenkopfmaske, zur Seite genommen und scheint nachzudenken. Diese Woche ist er auf Platz 1 mit: "Ich und meine Maske“.

Ralph Geisenhanslüke

Eine Zeit lang war er eine Art Opernphantom des deutschen HipHop. Seine Songs, die ausführlich von Sex, Gewalt und Drogen handelten, wurden als jugendgefährdend indiziert. Nun scheint er sich zum Sympathieträger zu entwickeln, der nach der Wahrheit auch hinter seiner eigenen Maske sucht. Gerüchteweise hat Paul Würdig, wie er bürgerlich heißt, sogar Abitur. Er selbst behauptet allerdings, wegen Drogenkonsums von der Schule geflogen zu sein.

Vor einiger Zeit war Sido in der Fernsehshow von Kurt Krömer zu Gast. Der eine verkleidet sich als abgebrochener Herrenausstatter, der andere macht auf „superintelligentes Drogenopfer“. Sie gossen sich ein paar Schnäpperken hinter die Binde und sprachen darüber, welche Jejend – Neukölln oder Märkisches Viertel – wohl die krassere sei. Zwei Ex-Atzen aus’m Kiez, mittlerweile Showprofis, beim Schulterreiben mit dem richtigen Leben. Verglichen mit Schuhplattlern und Egerländern hat solche Art Brauchtum immerhin Unterhaltungswert. Und im Gegensatz zu anderen Rappern der Berliner Schule hat Sido es dabei belassen, seinen Hund „Rolex“ zu nennen. Doch schon damals sinnierte er darüber, „die Stadt eigentlich nur noch durchs Autofenster“ zu sehen.

Das Booklet des neuen Albums weist darauf hin, „Spott, Hohn, Verzerrung und Überspitzung“ seien „künstlerische Stilmittel“, die „der Unterhaltung dienen“ und „gesellschaftliche Missstände“ thematisieren sollen. In dieser Hinsicht gelingen Sido neuerdings einige interessante sozialrealistische Texte. Zwar hat er noch genug Reizwörter eingestreut, doch die Hardcore-Fraktion wird dieses Album wohl als Pop abtun – was es als Platz eins der Charts auch ist. Schließlich werden die Spitzenkräfte der Berliner Schule mittlerweile von den Major-Labels auf den Markt gebracht. Ralph Geisenhanslüke

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