HIT Parade : Zwischen Groove und Hackepeter

Beinahe jeder, der gerade big in Germany ist, wird hier in die Salsa getunkt: Rhythms del Mundo feat. 2raumwohnung sind diese Woche auf Platz 28 mit: "36 Grad".

Ralph Geisenhanslüke
2raumwohnung Foto: Promo
2raumwohnung -Foto: Promo

Alles korrekt, von außen betrachtet. Charity-Gedanke, Multikulti, Leitwort von Al Gore. „Rhythms Del Mundo“ wurde letztes Jahr in rund 60 Ländern ein Sommerhit. U2, Sting, Coldplay oder Franz Ferdinand im Salsa-Gewand, zusammen mit Mitgliedern des Buena Vista Social Club. Die Einnahmen flossen an „Artist Project Earth“, eine Organisation, die gegen den Klimawandel kämpft und Katastrophenopfer unterstützt. So weit, so gutmenschlich.

Schon damals aber war eine Einschränkung herauszuhören: „original vocal tracks from today’s biggest artists get the Buena Vista twist“, hieß es in der Werbung. Mit anderen Worten: Die haben gar nicht zusammen gespielt, sondern die Stücke einfach zusammengeschnitten. Okay, das ist globaler Alltag im Musikgeschäft, funktionierte in einigen Fällen sehr gut, und sie hatten das Glück, dass der Sänger Ibrahim Ferrer zur Zeit der Aufnahmen noch lebte. Wenigstens ein Gesicht, an das die Welt sich erinnerte.

Nun also die deutsche Ausgabe. Ich + Ich, Xavier Naidoo, Rosenstolz, beinahe jeder, der gerade big in Germany ist, wird hier in die Salsa getunkt. Mit dem Aroma des Buena Vista Social Club aber ist das so eine Sache: Gerade zwei Mitglieder aus der zweiten Reihe, ein Lautenspieler und ein Perkussionist, stehen auf der Besetzungsliste. Selbst der Promotext spricht vorsichtig von „Neu-Interpretationen im Stile des Buena Vista Social Sounds“. Bei 2raumwohnung klingt noch alles schön sommerlich-klebrig. Tocotronics „Kapitulation“ ist ein schöner Quickie und Udo Lindenbergs „Wenn Du Durchhängst“ findet in einer sanften Rumba angemessene Umsetzung. Musikalischer Höhepunkt: Culcha Candela, die „Hamma“ neu auf Deutsch und Spanisch eingesungen haben und deshalb wirklich grooven.

Manches Stück aber wirkt lieblos zusammengehauen wie der „Tag Am Meer“ von den Fantastischen Vier oder „Klar“ von Jan Delay. Reime holpern gegen Orchester, und bei der Reibung zwischen Stimme und Akkorden in Julis „Symphonie“ richtet sich gar manches Nackenhaar auf. Beim Konzert am Sonntag unterm Funkturm haben zum Schluss alle „Guantanamera“ gesungen, das „Lied aus Guantánamo“. Und dahin wünscht man auch die Knöpfedreher, die solchen Hackepeter verzapfen. 

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