Hitparade : Amy Winehouse: Die Beste 2008

Jede Woche bespricht hier der Popkritiker Ralph Geisenhanslüke ein Album aus den Charts. Dieses Jahr auf Platz 1: Amy Winehouse mit: „Back To Black“.

Ralph Geisenhanslüke
Amy Winehouse
Amy Winehouse: Zur globalen Marke geworden. -Foto: AFP

Das erfolgreichste Album des Jahres 2008 stammt von Amy Winehouse. „Back To Black“ war 25 Wochen in den Top 5 und elf Wochen auf Platz eins. Was sagt uns das? Zuerst einmal zeugt der verspätete Erfolg des bereits 2006 erschienenen Werks davon, wie träge der Massenmarkt auf musikalische Strömungen reagiert. Bereits vor zwei Jahren wurde uns ein Soul-Revival geweissagt, das sich auf den Sound von Stax und Motown berief. Von Rückbesinnung auf musikalische Qualität war die Rede. Magazine präsentierten reihenweise Amy-Nachfolgerinnen. Sie kamen fast alle, wie Winehouse, von der Brit School of Performing Arts. In Deutschland blickt man oft wehmütig nach London. Legt diese Schule doch Wert darauf, Künstler möglichst früh zu professionalisieren. Karriere- und Imageplanung, Umgang mit den Medien, die Sekundärtugenden scheinen immer wichtiger zu werden. Aber nur Amy Winehouse ist es bisher gelungen, zu einer globalen Marke zu werden. Und das um den Preis ihrer musikalischen Glaubwürdigkeit. Die von Mark Ronson in Handarbeit produzierten Songs haben sie wohl im Studio irgendwie in den Kasten gekriegt. Doch Konzerte mit Amy Winehouse können traurige Veranstaltungen sein.

Karl Lagerfeld hatte recht, als er in ihr eine Mode-Ikone erkannte, die die Zerrissenheit unserer übermedialisierten Wahrnehmung verkörpert. Ihr Wiedererkennungswert ist enorm und wird von den Medien täglich weiter gefestigt. Was gibt es für beide Seiten Besseres als eine solche never ending story? Das zeigt auch der Fall von Britney Spears. Beiden würde man wünschen, dass sie in Wahrheit grünen Tee trinken und ein schönes Leben haben. Aber nicht nur angesichts der prognostizierten Konsumflaute braucht die Musikindustrie Skandalfiguren, die aus dem Mahlstrom herausragen. Das kommende Jahr wird im Zeichen der Musikflatrates stehen. Schon jetzt unterbieten sich diverse Anbieter gegenseitig.

Für nicht mal zehn Euro im Monat kann man downloaden bis der Rechner raucht. Keiner reicht in Repertoire und Komfort an iTunes heran. Aber diese Vormachtstellung wird bröckeln, daran arbeiten besonders intensiv Telekommunikationsunternehmen. Das ist einerseits taschengeldfreundlich und demokratisch; andererseits wird Musik dadurch entwertet, nicht nur wegen der beschränkten Klangqualität der meisten MP3-Dateien.

Über die wirtschaftlichen und technischen Fragen ist Musik als Wert an sich ins Hintertreffen geraten. Heute fordern gar manche Eltern, den Musikunterricht zu intensivieren, aber nur um dem Leistungsprinzip noch mehr frühkindlichen Raum zu geben: die Kleinen sollen so besser lernen. So wie Kühe mit Mozart mehr Milch geben. Dabei geht es um Wettbewerbsvorteile. Nicht um Musik als Lebensmittel für die Seele. Immer mehr Leute rühmen sich auch einer zusammengeklickten Sammlung von Hunderttausend Titeln, haben aber Schwierigkeiten, ihre Lieblingskünstler zu benennen oder zu erklären, was das Besondere an ihnen ist. Flatrate-Hören ist wie Flatrate-Saufen. Es funktioniert nur über Quantität – und führt häufig zur Bewusstlosigkeit. Hier schließt sich der Kreis zu Amy Winehouse.

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