Hitparade : Andrea Berg: Im Gefängnis des eigenen Kummers

Andrea Berg und die totale Liebe pur. Diese Woche ist die deutsche Sängerin in der Hitparade auf Platz 4 mit: „Zwischen Himmel & Erde“.

Ralph Geisenhanslüke
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Andrea Berg.

Im Wissenschaftsteil war über Menschen mit Verbitterungsstörung zu lesen. Damit wird ein psychisches Leiden bezeichnet, das nach Situationen auftritt, die der Betroffene als ungerecht empfunden hat. Mobbing, Kündigung oder Scheidung. Den Patienten fehlt die Kraft, dies zu verarbeiten. Sie treten innerlich auf der Stelle und werden aggressiv gegen sich oder andere. Die Schlagersängerin Andrea Berg leidet vermutlich nicht daran. Ihr legendäres „Best-Of-Album“ hielt sich 317 Wochen in den Charts. Das neue Werk wurde schon aufgrund der Vorbestellungen mit Platin ausgezeichnet. Doch lassen Bergs Texte vermuten, dass viele ihrer Hörer das „Posttraumatic Embitterment Disorder" (PTED) aus eigener Anschauung kennen. „1000 Mal Belogen“ heißt ein Hit. Auch Bergs neuer Song „Geh’ Doch Zum Teufel“ vermittelt nicht gerade den Wunsch nach konstruktiver Auseinandersetzung.

Es ist viel darüber orakelt worden, warum die Spitze der Charts zurzeit von deutschen Interpreten bestimmt wird. Silbermond, Peter Fox und Samy Deluxe vermittelten ein Ankommen in der Mitte der Gesellschaft, hieß es. Einen Konsens, dass es ganz okay sei, in Deutschland zu leben. Man sollte jedoch Unterschiede erkennen zwischen einem Reimschmied wie Peter Fox, der einen mit zwei Zeilen an das frühmorgendliche Kottbusser Tor bugsiert und Andrea Berg, die Worte benutzt wie: „Es war total Liebe pur“.

Bergs Texte siedeln in der Welt der Gefühle – und kommen dort meist zu kurz. Das lyrische Ich ist häufig eine Frau, die versucht, Enttäuschungen zu verarbeiten. Die frühere Krankenschwester weiß vermutlich, was die Leute brauchen. Nicht nur ihren „Pretty-Woman“-Look in kniehohen Stiefeln und Miniröcken, sondern auch das Gefühl, nicht allein zu sein im Gefängnis des eigenen Kummers. Ob Bergs Strategien einen Weg heraus weisen, ist zweifelhaft. Im Interview erklärte sie ihr Outfit: „Als 42-jährige Frau muss man sich anstrengen, damit die Männer einem hinterhergucken.“ Diese Anstrengung merkt man ihr an. Sie trägt vermutlich wenig dazu bei, jene Fähigkeit zu entwickeln, die Psychologen „Expertise im Umgang mit schwierigen Lebensfragen“ nennen. Oder auch schlicht „Weisheit“.

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