Hitparade : Deichkind: Alko-Pop unter der Bierdosendusche

Jede Woche bespricht der Popkritiker Ralph Geisenhanslüke hier ein aktuelles Album aus den Charts. Diese Woche auf Platz 64: Deichkind mit "Arbeit Nervt".

Ralph Geisenhanslüke
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Deichkind -Foto: promo

Der Platz dieser Kolumne ist gerade von 80 auf 66 Zeilen geschrumpft. Soll man sich als Autor darüber aufregen? Dazu sind zwei Denkansätze möglich. Der erste: Ein kürzerer Text macht weniger Arbeit. Der zweite: Der Autor schreibt gern, außerdem geht es hier um Qualität, nicht um Quantität. Alles eine Frage des Begriffs von Arbeit. Arbeit, sagt die Physik, ist Kraft mal Weg. Arbeit, sagt die Hamburger Band Deichkind, nervt. Man müsste sie mal fragen, welche sie meinen.

Seit Jahrtausenden untersuchen Philosophen den der Menschheit auferlegten Zwang zum Broterwerb. Und das nicht nur im Lichte des Widerwillens gegen „entfremdete Arbeit“, wie Karl Marx die industrielle Knechterei nannte. Es gibt auch positive Auslegungen wie die des Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi, der darauf seine Theorie der beglückenden „Flow“-Erlebnisse gründete: Diese treten ein, wenn die Versenkung in eine selbstgewählte Aufgabe mit einem erreichbaren Ziel zu einer Art schöpferischer Trance führt, in der alles wie von selbst geht. Ein Zustand, der Musikern nicht fremd sein dürfte.

Gegen die Arbeitsmarktparanoia und die damit geschürte gesamtgesellschaftliche Arbeits- und Erledigungswut zu stänkern geht natürlich in Ordnung – auch wenn sich der Titel kaum von dem Slogan „Arbeit ist scheiße“ unterscheidet, mit dem die Anarchistische Pogopartei Deutschlands (APPD) schon vor Jahren antrat. Leider reicht der Horizont bei den Hamburger Proll-Darstellern nur bis zum nächsten Getränkemarkt. Deichkind halten Alkohol für ein Mittel der Subversion. Im Video schütteln sie ihre Pilstitten unter einer Bierdosendusche. Sie lallen: „Kein Gott, kein Staat, lieber was zu Saufen.“ Beim Komponieren ihrer stumpfen Elektrobeats haben sie sich auch keinen fertig gemacht. Alko-Pop für tiefer gelegte Vorstadtbesamer.

Nochmal zum Arbeitsbegriff: Die Autoren Kathrin Passig und Sascha Lobo haben kürzlich ein Buch veröffentlicht, in dem sie darlegen, wie man „den äußeren Schweinehund überwindet“, will sagen: sich den Zumutungen einer zunehmend kontroll- und leistungsfixierten Welt entzieht. Es heißt: „Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin.“ Der Aufschub, das sogenannte Prokrastinieren, wird darin zur Überlebensstrategie erklärt. Sie plädieren für ein „9 to 9:05“ und zeigen, wie weniger Arbeiten mehr sein kann und dass Vermeidungsstrategien wunderbare, unerwartete Ergebnisse zeitigen können. Sie haben einen guten Job gemacht. Das Buch dürfte auch in Hamburger Buchhandlungen erhältlich sein.

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