Hitparade : Die Häutung der Vicky Leandros

Vicky Leandros entstammt einer Zeit, als der Schlager noch ein Verwandter des Chansons und der Grand Prix noch kein Karneval war. Diese Woche ist sie auf Platz 27 mit: "Möge der Himmel".

Ralph Geisenhanslüke
Leandros
Vicky Leandros.Foto: promo

Die deutschen Charts gleichen diese Woche einem westdeutschen Wohnzimmer Mitte der siebziger Jahre. Es ist, als säße die Familie am Samstagabend frisch gebadet vor dem Fernseher und gleich käme Dieter Thomas Heck, um die „Hitparade“ zu moderieren. Mit Roland Kaiser, Peter Maffay, Peter Kraus, Daliah Lavi und Vicky Leandros. All diese „Schlagerfuzzies“, wie Udo Lindenberg sie nannte, haben gerade ein Album draußen. Das von Vicky Leandros allerdings gleicht einer Häutung. Die deutsch-griechische Sängerin, Ex-Teilzeitpolitikerin, hat sich mit Xavier Naidoo zusammengetan.

Leandros ist Repräsentantin des Old-School-Schlagers. Sie entstammt einer Zeit, als der Schlager noch ein Verwandter des Chansons und der Grand prix noch kein Karneval war. Erfolg in Frankreich galt als Messlatte. An diese Zeit erinnern auf „Möge der Himmel“ zwei Titel von Gilbert Bécaud und Jacques Brel.

Leandros hat nicht, wie unlängst Karel Gott mit Bushido, ein einzelnes Stück aufgenommen, sie hat sich komplett auf die Mannheimer Schule eingelassen. Zu der gehören auch die Texte von Xavier Naidoo und sein bekannt düsteres Tremolieren. Sowie ein Deutsch, das selbst bei einer Jahresbilanzpressekonferenz noch steif und papieren wirken würde. „Ich würde so gern mit dir die Zukunft gestalten“, heißt es im Titelsong. „Doch sie teilen uns ein in die Jungen und Alten / wir lassen es zu und lassen uns verwalten.“

Die Frage drängt sich auf: Wer sind „sie“? Vielleicht ist auch das ein historischer Rückgriff. Schon Otto Waalkes fragte in seiner bis heute nachhallenden Analyse des Liedes „Theo, wir fahr’n nach Lodz“: „Um welchen Theo handelt es sich?“ Und kam zu dem Schluss, es müsse sich „um jenen Theo in uns allen“ handeln. In diesem Sinne scheint auch Naidoo zu glauben, in jedem von uns wohne ein kleiner Xavier. Aber der muss spätestens beim „Wort zum Sonntag“ ins Bett. 

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