Hitparade : Hingabe und Verschmelzung

Die Toten Hosen sind wieder da, mit einem ungewöhnlichen Liebeslied mit Klavier und Cello. Diese Woche sind sie auf Platz 34 - mit Birgit Minichmayr.

Ralph Geisenhanslüke
Campino
Campino in der "Dreigroschenoper". -Foto: Thilo Rückeis

Die sogenannte Awards Season ist ein Begriff aus der Welt des Films: Gemeint ist damit der Zeitraum zwischen Anfang Dezember und Ende Februar, in dem die USA sich einem Rausch von Preisen hingeben, bis die alles entscheidende Frage beantwortet ist: Wer bekommt den Oscar? Die Musikindustrie schwimmt traditionell mit auf dieser Welle. Grammys, Brit Awards und auch der brave deutsche Echo werden ebenfalls in diesen Wochen vergeben. Vielleicht steckt dahinter eine menschliche Grundkonstante: dass die Menschen im Februar gern daheim vor der Glotze hocken und anderen dabei zuschauen, wie sie ihren Müttern und dem lieben Gott danken. Das wärmt das Herz. Dabei ist es egal, wie die Auswahl zustande kommt. Denn in erster Linie haben die Beweihräucherungsveranstaltungen der Unterhaltungsindustrie eine beruhigende Funktion: sie festigen den Glauben an das bestehende System. Leistung lohnt sich. Eine tröstliche Botschaft in Zeiten, da Andy Warhols berühmte 15 Minuten Ruhm zu 15 Sekunden verkürzt scheinen: etwa der Aufmerksamkeitsspanne zwischen zwei Mausbewegungen auf Youtube.

Es gibt leisen Optimismus, dass der Echo dieses Jahr vor einem Neuanfang steht. Neuer TV-Sender, neue Halle, neue Moderatoren – das soll aus der bislang qualvollen Zeremonie endlich ein Ereignis machen. Unter den Gästen finden sich auch Die Toten Hosen. Sie haben immerhin schon 27 Jahre Ruhm erlebt, den sie zu einem guten Teil ihren Konzerten verdanken – Live-Energie ist auch weiterhin nicht klickbar.

Beim Echo wird Campino ein Duett mit der Schauspielerin Birgit Minichmayr singen, die gerade bei der Berlinale für „Alle Anderen“ einen Silbernen Bären bekam. Minichmayr, die mit Campino schon in der „Dreigroschenoper“ spielte, war bei Gründung der Toten Hosen gerade fünf Jahre alt. Den Titel „Auflösen“ nahm sie eher nebenbei auf. Es ist ein für Hosen-Verhältnisse ungewöhnliches Liebeslied mit Klavier und Cello, das feinfühlig von Hingabe und Verschmelzung erzählt. Wer sich öffnet, bleibt sich treu. Darin liegt mehr Wärme und Wahrheit als in Warhols Viertelstunde. Ralph Geisenhanslüke

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