Hitparade : Mando Diao: Mehr als gut geschruppter Rock

Jede Woche bespricht der Popkritiker Ralph Geisenhanslüke hier ein Album aus den Charts. Diese Woche auf Platz 1: Mando Diao mit: „Give Me Fire!“

Ralph Geisenhanslüke
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Mando Diao.Foto: promo

„When in Rome, do like the romans do“, sagt eine britische Redensart. Andere Länder, andere Sitten, denen man sich anpassen sollte, wenn man dort klarkommen will. Die Band Mando Diao scheint mit diesem Prinzip nur bedingt Glück zu haben. Die fünf Herren aus dem schwedischen Städtchen Borländ gaben sich bislang britischer als die meisten britischen Bands. Nicht nur hinsichtlich ihres Uptempo-Gitarrensounds, der an die großen Mod-Bands der 60er erinnerte, sondern auch, was ihre Haltung betraf. Bei ihrem Debüt-Album „Bring ’em In“, 2002, verkündeten sie großspurig, ihre Musik sei besser als die von The Who, den Kinks, und den Small Faces oder den Stones. Das Cover zeigte sie vor dem Türsteher eines Clubs, mit jenem trotzigen Blick, den man nur mit sehr viel Bier und british beef erklären kann. Gemeinhin wird diese Attitüde als „cocky“ bezeichnet, anmaßende Jung- Gockel, die sagen: Ihr seid alte Säcke und jetzt werden wir’s Euch zeigen. Das Debüt von Mando Diao hatte Klasse, es enthielt dreimal mehr Adrenalin als das durchschnittlicher The-Bands. Die höchstplatzierte Single in den britischen Charts aber schaffte es gerade auf Platz 64. In anderen Ländern ist man anderer Meinung.

Verkneifen wir uns jene Nationalismen, die besagen, dass Schweden eben Musik und Möbel preiswert und praktisch zu bauen verstehen. Vielleicht liegt es einfach daran, dass die Leute raus wollen aus dem kleinen Land und dass sie schon als Kinder Filme im Original mit Untertiteln sehen. Mando Diao geben unumwunden zu, dass ihr Name keine tiefere Bedeutung hat und dass ihr aktueller Hit „Dance With Somebody“ „wahrscheinlich der einfachste Song ist, den wir jemals gemacht haben“. Das stimmt kompositorisch. Doch wie sie die Nummer von einem New-Wave-Beat mit Cinemascope-Gitarren in eine Streicher-seelige Disco-Nummer mit einer unwiderstehlich-hysterischen Hookline herüberziehen, das ist hohes Raffinement.

Mando Diao beschränken sich nicht mehr auf gut geschruppten Rock. Sie greifen nach den großen Ikonen, etwa auch Tom Jones in „Gloria“. Ihre Retro-Ausflüge haben dabei nichts Epigonales. Sie werden getragen von Leidenschaft und Hingabe. „Ich werde mich in dein Lieblingslied verlieben“, singen sie. In einem Interview gingen die Musiker so weit, zu behaupten, sie würden sogar mit Janis Joplin ins Bett gehen. Sie meinen es also ernst. Das werden die Briten auch noch begreifen.

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