Hitparade : Milow: Entspannt, aber nicht ohne Kitzel

50 Cent und Justin Timberlake hatten schon 2007 mit dem Song Erfolg. Milow ließ nun die Technik weg und bearbeitete das Stück, das im Original von Beat-Box und Synthies getragen wird, für die akustische Gitarre. Diese Woche ist er auf Platz 3 mit "Ayo Technology".

Ralph Geisenhanslüke
Milow
Milow -Foto: promo

Das Wort „Ayo“ wird in angloamerikanischen Songtexten oft als melodischer Ausruf verwendet. In der Umgangssprache bedeutet es etwa so viel wie „Hey You“. Man könnte den Titel also übersetzen mit „Hey Du, Technologie“. Diese etwas ungelenke Konstruktion wird dem Inhalt von „Ayo Technology“ durchaus gerecht, handelt der Song doch von den Nöten eines Mannes der, reizüberflutet mit virtuellen Erotikangeboten, nicht mehr aus noch ein weiß.

„Ich bin es leid, die Technik zu benutzen / Warum sitzt du nicht hier auf mir?“ heißt es im Refrain. Angeblich hätte der Song treffender „Ayo Pornography“ heißen sollen. Doch fürchteten der Rapper 50 Cent und der Sänger Justin Timberlake wohl die Prüderie der US-Medien, als sie den Song 2007 veröffentlichten. Und zumindest der Erfolg gab ihnen mit Top-Ten-Platzierungen in 17 Ländern und einer Grammy-Nominierung recht.

Nun hat ein Singer-Songwriter das Stück komplett umgekrempelt. Milow heißt bürgerlich Jonathan Vandenbroeck und stammt aus dem belgischen Leuven. Milow tat etwas Naheliegendes. Er ließ die Technik weg und bearbeitete den Song, der im Original von Beat-Box und Synthies getragen wird, für die akustische Gitarre. Er gestattete sich auch diverse Umbauten in der Gedankenwelt des Songs. Das Video zum Original spielt in der Bling-Bling-Welt von Popstars, die Anzüge tragen und mit schwarzen Bentleys herumgurken. Produzent Timbaland steht vor einem riesigen holografischen Computerdisplay, ähnlich wie Tom Cruise in dem Film „Minority Report“, und schiebt seine Akteure, die beiden Sänger, ständig in neue voyeuristische Situationen, die von sehr teuer aussehenden Damen recht körperbetont illustriert werden. Die Spannung zwischen dem nervösen Elektro-Beat und den langsamen Vocals macht die medial induzierte Dauernotgeilheit spürbar, die die beiden Ich-Erzähler nirgendwo entladen können.

Milow ist erst 27, aber er geht die Sache viel entspannter an. Nicht, dass er dem Thema den Kitzel nehmen würde, um eine Art Jack-Johnson-Coffeetable-Version eines bösen Hip-Hop-Songs zu präsentieren. Nein, nur sein Ton ist von vornherein selbstironisch-resigniert. Hey, das ist alles zu viel für mich.

Die goldbestäubten Pin-ups, die seinen feuchten Videotraum bevölkern, werden immer mehr, schließlich fallen sie über den Sänger her, bis er am Ende triefend in einer schleimigen Flüssigkeit am Boden liegt. Seine Fantasien waren einfach stärker als er. Ein treffliches Sinnbild für die Diskrepanz zwischen Pornografie und Wirklichkeit. Auch, wenn es sich hier um eine Coverversion handelt, sagt sie: You can’t beat the real thing.

>> Tickets für Berlin und Deutschland!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben