Hitparade : Schäfer Heinrich: Von der Weide ins Studio

Jede Woche bespricht hier der Popkritiker Ralph Geisenhanslüke ein Album aus den Charts. Diese Woche auf Platz 14: Schäfer Heinrich mit: „Das Schäferlied“.

Ralph Geisenhanslüke
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Chart Attack. Schäfer Heinrich.Foto: RTL

Spätestens seit Woody Allen einmal eine Geschichte drehte, bei der ein Hirte sein bestrapstes Schaf aus einem Hotelzimmer zurückholte, unterstellt man Angehörigen dieser Berufsgruppe gern eine besondere Form der Tierliebe. Doch bei Heinrich Gersmeier war das anders. Der Schäfer aus dem 800-Seelen-Dorf Völlinghausen im Sauerland dachte eindeutig an menschliche Gesellschaft, als er bei „Bauer Sucht Frau“ teilnahm. Diese Doku-Soap auf RTL hat manchmal mehr Zuschauer als der „Tatort“. Bis zu neun Millionen Menschen amüsieren sich über die Flirtversuche von Landwirten aus freilaufender Bodenhaltung.

Gersmeier, 41 Jahre alt, scheint ein naturbelassenes Exemplar zu sein, direkt von der Weide ins Studio geschubst. Seine Sätze wirken so erratisch, dass man bezweifeln kann, ob er einen Integrationstest bestehen würde. Und auch der Text des Schäferliedes, das angeblich Gersmeiers Vater schrieb, kündet nicht von überschäumender Formulierungslust oder gar Anklängen an die Schäferlyrik: „Oh, Oh so und so, bei uns Schäfern ist das so“ heißt es im Refrain. Das unterbietet sogar noch den „Burger Dance“ von DJ Ötzi und wird diesen vielleicht in dieser Ski-Saison beim Hüttenzauberrummbumms ablösen.

Schäfer Heinrich, wie er allenthalben heißt, hat jetzt einen Plattenvertrag, eine Website, es gibt ihn als Klingelton, bei MySpace und bei Wikipedia. Sein Lied ist in den Charts, morgen Abend tritt er beim Teenie-Spektakel „The Dome“ auf. Wildfremde Menschen tümeln und kumpeln ihn an. Vor seinem Hof halten Reisebusse. Die Medienwölfe scheinen in Heinrich ein besonders duldsames Schaf gefunden zu haben, mit dem sie die gesamte Verwertungskette durchdeklinieren können. Eine eierlegende Wollmilchsau.

Derweil blöken die Tiere in Völlinghausen allein auf der Wiese. Eine Frau, „eine hübsche, eine fein, von der Tugend eine reine“, hat er allerdings nicht abbekommen. Wenn man Schäfer Heinrich sieht, hat man den Eindruck, dass bei ihm die Kirche schon länger nicht mehr im Dorf steht. Was wird ihm bleiben, wenn der Rummel vorbei ist? Wie weit darf man solche Experimente treiben? Vielleicht wäre es allmählich an der Zeit, einen Ethik-TÜV oder ein Fair-Trade-Siegel einzuführen. Wir haben ja gesehen, wie weit der Spaß auf der Wiese bei Bethlehem geführt hat. Auch damals half alles Singen nicht.

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