Hitparade : Tina Turner: Die öffentliche Frau

Jede Woche bespricht der Popkritiker Ralph Geisenhanslüke hier ein Album aus den aktuellen Charts. Diese Woche auf Platz 45. Tina Turner mit: „Tina“.

Ralph Geisenhanslüke
Tina Turner
Geschmäht wie sonst nur Phil Collins. Tina Turner.Foto: promo

Diese Kolumne hat beinahe so viele Zeilen wie ihr Leben an Jahren. Kaum eine Einzelheit von und an Tina Turner blieb der Öffentlichkeit in dieser Zeit verborgen. Es mögen nicht ganz so detaillierte Details sein wie später bei Britney Spears, Pamela Anderson oder Paris Hilton, aber das liegt wohl auch daran, dass die Laufbahn von Tina Turner in den fünfziger Jahren begann. Damals war man noch nicht so weit. Heute erfindet man gleich zu Beginn des Karriereplans eine pseudoreale Inszenierung. Ein Leben im Ehe- oder Soap-Container. Tina Turner ist noch von der alten Schule. Sie hat erst gelebt und dann verwertet.

Anna Mae Bullock, geboren 1939 in Nutbush/Tennessee, hatte mit 13 ihre Periode noch nicht und verlor ihre Unschuld auf dem Rücksitz eines Autos. Das ließ sie in ihrer Autobiographie schreiben und diese später verfilmen. Im Film konnte man auch sehen, wie sie mit 16 den Bus in die nächstgrößere Stadt nahm und dort Ike Turner traf, einen genialen Rhythm’n’ Blues-Gitarristen. Die künstlerische und private Verbindung wurde zu einem Martyrium. Während der Rockkritiker Nik Cohn über ihren „kosmischen Arsch“ in Wallung geriet, hatte Tina Turner „immer irgendeine Wunde am Kopf, irgendeinen Bluterguss“. Ikes Hang zu Drogen in Verbindung mit häuslicher Gewalt führte zu dem weltberühmten Scheidungsdrama, bei dem er am Ende, 1978, den gemeinsamen Besitz und sie dafür die Schulden mitnahm. Tina Turner wurde zur Ikone weiblichen Durchhaltevermögens. Sie brauchte eine Ewigkeit, um endlich den Mut zu finden, ihrem Mann in die Eier zu treten. Am Ende hat die „meistgeschlagene Frau des Unterhaltungsgeschäfts“ („Stern“) ihn überholt und überlebt. Dafür Respekt.

Es bleibt bis heute rätselhaft, warum Tina Turner, deren Stimme früher einmal die Luft brennen ließ, so weit unter ihren Möglichkeiten bleibt, warum sie auf Dudelfunk-Automatik läuft und bestenfalls noch second hand emotion vermittelt und dafür neben Phil Collins zu den meistgeschmähten Popstars auf diesem Planeten zählt. Derzeit ist sie mal wieder auf großer letzter Tournee. Schon die Titel ihrer Best-of-Alben, „Tina!“ und das vor vier Jahren erschienene, nahezu identische „All The Best“, sind deutliche Zeichen des Abschieds. Loslassen zu können gehört zu den Weisheiten des Alters. Aber der Verdacht bleibt: Der böse Ike hatte einfach die besseren Lieder.

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