Hitparade : Tori Amos erfindet sich ständig neu

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Auf diese Fragen hat Tori Amos mehr als eine Antwort. Seit Jahren betreibt die amerikanische Sängerin ein Identitätskarussell, gegen das die Neuerfindungen und Wiedergeburten normaler Pop-Diven so hausbacken wirken, als wären sie mal eben zu H&M gegangen.

Ralph Geisenhanslüke
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Tori Amos.

Ähnlich den Verwandlungen der Fotokünstlerin Cindy Sherman, die sich selbst in immer neuen weiblichen Rollenmodellen abbildet, schreitet auch Tori Amos die Arena der Geschlechterklischees ab. Für ihr letztes Album „American Doll Posse“ etwa nahm sie fünf, von griechischen Göttinnen inspirierte Identitäten an. Sie richtete sogar jeder einzelnen einen Blog ein und veröffentlichte dort einen Mahlstrom von Statements. Auch für ihr neues Album hat sie sich wieder multipel inszeniert, mal als Elfe, mal als Domina mit Reitgerte, oder damit es auch jeder versteht: mit einem Chamäleon in der Hand.

Ohne allzu sehr zu psychologisieren, lässt sich erkennen, dass diese Identitätsspiele auf das Jahr 2001 zurückgehen. Damals hatte Amos sich mit ihrer Plattenfirma zerstritten. Sie musste ihren Vertrag noch erfüllen, wollte dem Unternehmen aber keinen einzigen neuen Song mehr gönnen. Also nahm sie „Strange Little Girls“ auf, ein Album mit Cover-Versionen, für das sie sich in verschiedene Charaktere aufspaltete. Rückblickend erscheint diese Trotzreaktion als Glücksfall; eröffnete sie Tori Amos doch ungeahnte Möglichkeiten. Zuvor nämlich hatte sie sich trotz ihrer Erfolge künstlerisch festgefahren in der Singer-Songwriter-Ecke. Noch heute bekommen manche Menschen Unterleibskrämpfe, wenn sie an die fragilen Lyrizismen der Pfarrerstochter aus North Carolina denken, die alles daran setzte, ihre konservative Erziehung abzuschütteln und in Interviews über Patriarchat und sexuelle Freiheit referierte. Alles sehr richtig, aber eben auch weithin bekannt.

Ihrem Hang zum Gemeinplatz ist sie aus diesmal nicht entronnen. Der Song „Welcome To England“ etwa sagt, dort müsse man „seine eigene Sonne mitbringen“. Und alles ist aufgeladen mit Bedeutungen und Querverweisen, wie ein Gender-Studies-Seminar. Amos’ Einschätzung, sie produziere hier „musikalisches Meskalin“, mag also etwas übertrieben klingen. Dafür aber ist alles hochglanzfein aufgenommen. Manches Drum- Loop und mancher Streichersatz auf diesem Album wären schon eine Sünde wert.

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