Hitparade : Wettsingen in Schwetzingen

Die Söhne Mannheims haben ein "unplugged"-Album aufgenommen. Das Kollektiv gibt ein Best-of der letzten 10 Jahre, garniert mit Gastauftritten - diese Woche auf Platz 2 der Charts.

Ralph Geisenhanslüke
Soehne_Mannheims
Söhne Mannheims -Foto: Promo

Wenn man in Deutschland einen Act promo-mäßig voll nach oben pimpen will, gibt es nur einen Weg und der heißt Gottschalk. Gegen den verkaufsfördernden Effekt eines Auftritts bei „Wetten dass ..?“ verblassen alle Platzierungen in „Bild“ und „Bravo“. Selbst eine farblose Stippvisite wie die von Carla Bruni kann ein Album, dass bereits an der Unterkante der Top 100 hing, noch einmal reanimieren. 42 Plätze hat Bruni durch diesen Auftritt gewonnen. Gottschalk weiß eben, wo der Mainstream den Most holt. Das gilt auch für andere musikalische Gäste dieser Show: Die Zisterzienser Mönche vom Stift Heiligkreuz (plus 39 Plätze) und die Söhne Mannheims, die ihr christliches Weltbild ebenfalls, gelinde gesagt, häufig thematisieren. Guten Tag, wir möchten mit Ihnen über Gott sprechen.

Zwei religiös motivierte Top-Acts auf Deutschlands Top-Promotion-Plattform. Spricht daraus eine Sehnsucht nach Halt in turbulenten Zeiten? Zumindest bedeutet es, dass Gottschalks Team das für derzeit opportun hält. Diese Andienerei ist es, die der TV-Kritiker und -Nutznießer Reich-Ranicki unter anderem kritisiert.

Die Söhne Mannheims haben ein „unplugged“-Album aufgenommen, im Rokoko-Theater des Schlosses zu Schwetzingen. Die Doppel-CD hatte auch ohne den Gottschalk-Faktor keine Absatzprobleme. Das derzeit 14-köpfige-Musikerkollektiv gibt ein akustisch eingespieltes Best-of der letzten 10 Jahre, garniert mit Gastauftritten wie dem des Harfenisten Andreas Vollenweider. Fein gezupft, das. Aber beizeiten auch etwas wehleidig, diese gewimmerte Erbauungslyrik vom Mannheimer CVJM: „Dich trifft keine/ mich trifft alle Schuld/ Ich hab das alles wirklich nicht gewollt“.

Traurig, traurig. Aber wuhuho yeah!, das wollen die Leute. Wenn man bei Youtube die von Nutzern gedrehten Videos zu den Songs der Söhne Mannheims anschaut, findet man keinen, der sich darüber lustig macht. Einer posiert mit einem Teddybären. Zwei Frauen tanzen auf einem Balkon, im Hintergrund ein handgemaltes Schild: „Liebe tut gut“. Solche Bilder deuten auf eine existenzielle Verunsicherung und hohes Trost- und Kuschelbedürfnis. Aber daran ist der Wetten-dass-Gottschalk nicht auch noch schuld. Ralph Geisenhanslüke

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