Hommage zum 70. Geburtstag : Giorgio Moroder: Lucky Looky

Zum 70. Geburtstag des Disco-Pioniers: Der Schlagersänger Michael Holm schreibt über seinen Freund Giorgio Moroder.

Von Michael Holm
Er bekommt das geregelt. Giorgio Moroder im November 1971. Foto: www.fotex.de
Er bekommt das geregelt. Giorgio Moroder im November 1971. Foto: www.fotex.deFoto: www.fotex.de

Er ist schon immer ein Pionier gewesen. 1970 zum Beispiel, da haben wir den ersten deutschsprachigen Song aufgenommen, bei dem ein Synthesizer verwendet wurde: „Arizona Man“ von Mary Roos. Giorgio Moroder hatte irgendwo ein Stylophon aufgetrieben, ein Miniaturkeyboard, das in England erfunden worden war und mit einem Metallstab bedient wurde. Später haben David Bowie und Kraftwerk das benutzt. Das Stylophon sah lächerlich aus, es war so groß wie eine Zigarrenkiste und gab ziemlich dünne Töne von sich. Wir haben drei Tage geprobt und den Sound dann so lange durch Verstärker gejagt, bis dieses gigantische Synthie-Riff entstand, mit dem „Arizona Man“ beginnt. Die Platte wurde ein Hit, Platz neun in den deutschen Single-Charts.

Kennengelernt haben wir uns 1966 in Berlin, wo ich als Autor beim Meisel-Musikverlag schon ein paar Erfolge hatte. Moroder ist gelernter Bassist, er stammt aus Südtirol, war jahrelang mit einer Tanzkapelle durch Europa getourt und hatte auch Nana Mouskouri mal begleitet. Eines Tages hieß es: Da kommt so ein junger Mann aus Südtirol, kannst du dir mal anhören, was der uns anzubieten hat? Giorgio hat mir drei Demos vorgespielt. Mit den Stücken konnte ich nicht so viel anfangen, aber der Sound war spektakulär. Immer wieder fragte ich ihn: Wie hast du das gemacht, warum klingt die Gitarre so merkwürdig und was für ein Instrument ist denn das jetzt? Zwei Vierspur-Tonbandgeräte der Marke Studer reichten ihm, um neuartige Klänge herzustellen.

Moroder verstand sich als Soundmacher. Er war nicht abhängig vom Equipment, er wollte Sounds, das war in seinem Kopf und in seinem Herzen. So einen Mann brauchen wir, habe ich dem Thomas Meisel gesagt, und der hat Giorgio dann einen Job als Demo-Tape-Operator verschafft. Es gab ein winziges Demo-Studio im Hause Meisel, da saß Moroder zwischen einem Vierspurgerät und einfachsten Effektgeräten und nahm ein Jahr lang mit Nachwuchstalenten Demos auf, denen er teilweise noch beibringen musste, welche Harmonien sie zu singen hatten. Damals entstand auch sein erster Hit als Komponist: „Ich sprenge alle Ketten“ von Ricky Shayne, mit einem Text von mir.

Das Playback war in seiner Wilmersdorfer 32-Quadratmeter-Wohnung – Moroder nannte es „Wohnklo“ – aufgenommen worden. Wir haben versucht, das im Studio nachzustellen, aber den speziell sirrenden Sound der Gitarre bekamen wir einfach nicht hin. Sein nächster großer Erfolg wurde „Looky, Looky“, Teenagermusik, die der damaligen Bubblegum-Welle folgte. Alle Instrumente, Effekte und der Gesang stammten von Giorgio, nur die Hook-Stimme im Refrain, drei mal übereinander gesungen, ist von mir. Die Platte hat sich 1,4 Millionen Mal verkauft.

Die goldenen Jahre begannen in München, wohin Moroder 1968 als fest angestellter Produzent ging – die Plattenfirma Ariola hatte ihre Zentrale dorthin verlegt. Anfang 1969 rief er mich an. Ich solle kommen, er habe eine Supernummer für mich, die müsse ich singen und kein anderer. Das war „Mendocino“, der Song stammte vom Sir Douglas Quintet aus Amerika und wurde der Hit des Jahres.

Was Moroder anfasste, wurde ein Erfolg. Er schrieb „Barfuß im Regen“ für mich, bis heute ein Evergreen. „Nachts scheint die Sonne“, ein Diskotheken-Knaller mit Glamrock-Rhythmus, war meine deutschsprachige Version seines in halb Europa in den Hitparaden platzierten Songs „Son of My Father“. Synthie-Streicher gab es damals noch nicht, deshalb setzte er einen sogenannten Phasing-Effekt ein. Er griff einfach bei dem einen von zwei synchron laufenden Aufnahmegeräten zwischendurch mit der Hand ins Band. Diese winzig verschobene Geschwindigkeit ließ die Streicher künstlich klingen.

Moroder wurde zum Zentrum einer eigenen kleinen Musikindustrie, er produzierte Peter Maffay, Uschi Glas und Su Kramer. Ein großes Team brauchte er dafür nicht, er holte sich Arrangeure und mit Pete Bellotte, einem gebürtigen Briten, einen Autor, der englische Texte schreiben konnte, die über „Looky, Looky“ hinausgingen. Für seine Songs brauchte er oft nur eine gelungene Zeile. „Des isch gut“, sagte er dann, machte sich über Nacht an die Arbeit und hatte am nächsten Morgen eine Komposition fertig, die mich verblüffte. Er hat sich in Arbeit verbohrt, wirkte aber immer entspannt. Das war sein Erfolgsrezept. Auch in den legendären Musicland-Studios, die er später im Arabella-Haus in München-Bogenhausen einrichtete, herrschte diese kreativ entspannte Atmosphäre.

Mitte der Siebziger war Moroder Staff-Produzent bei der Firma Phonogram. Das große Ding, das er kreieren sollte, wollten die aber nicht haben. Ich besuchte ihn im Studio, er war superrelaxed und blätterte in Zeitungen. Machst du denn gar nichts mehr?, fragte ich ihn. Er sagte: Ich habe eine Produktion gemacht, die haben sie mir abgelehnt. Jetzt warte ich ein Dreivierteljahr, bis mein Vertrag endet, und dann wird das ein Welterfolg. Lass doch mal hören, habe ich verlangt. Er spielte mir „Love to Love You, Baby“ vor. Mir fiel das Kinn runter, so etwas hatte ich noch nicht gehört. Donna Summer war für das Ensemble des Musicals „Hair“ nach Deutschland gekommen und hatte bei Dutzenden von Plattenproduktionen im Backgroundchor gesungen. Moroder erkannte, dass sie das spezielle Etwas für einen Solostar hatte. „Love to Love You, Baby“ klang für Deutschland 1976 vielleicht doch noch etwas zu futuristisch, es wurde zuerst in den USA und dann auch im Rest der Welt ein Hit.

Damit begann die Disco-Ära: München wurde eine Zeit lang zu einer Welthauptstadt der Musik. Alle wollten den Munich Sound; die Rolling Stones, ELO, Deep Purple und Elton John nahmen in München auf. Wir hatten um die 140 Studios, die waren Tag und Nacht ausgebucht. Wenn in einer Diskothek wie dem P 1 ein junger Mann rumrüpelte, dann hast du gedacht: Der sieht ja aus wie Mick Jagger. Es war dann tatsächlich Mick Jagger.

Moroder zog schon 1978 nach Los Angeles; für seine Filmmusiken für „Midnight Express“, „Flashdance“ und „Top Gun“ hat er drei Oscars bekommen. Seine Musicland-Studios wurden Anfang der neunziger Jahre geschlossen, als die U-Bahn zum Arabellapark gebaut wurde und die Vibrationen hochwertige Aufnahmen unmöglich machten.

Giorgio ist bis heute mein Freund, wenn ich in Amerika bin, besuche ich ihn. Er wohnt in Hollywood in einer Villa, die so aussieht, wie Klein-Moritz sich Hollywood vorstellt. Du kommst in einen Raum, willst die drei Menschen begrüßen, die an einem Tisch sitzen, und merkst im letzten Moment, das sind Skulpturen. Und Moroder steht hinter dir und grinst. Zu seinem 70. Geburtstag wünsche ich ihm, dass er seine Vitalität und kreative Neugier nicht verliert.

Aufgezeichnet von Christian Schröder. Michael Holm, 66, stieg mit Hits wie „Tränen lügen nicht“ und „Baby, du bist nicht alleine“ zu einem der erfolgreichsten deutschen Schlagersänger auf. Er lebt als Musikproduzent und Komponist in Oberbayern.

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