Iggy Pop : Alter Leguan

Iggy Pop hat immer noch keine Angst vor den Akten der Selbstzerstörung. In der Zitadelle Spandau zeigt er sich als Meister der Fitness.

Jörg W,er
Iggy Pop
Iggy Pop zeigt Muskeln in der Spandauer Zitadelle. -Foto: Davids

Eigentlich wüsste man gern, wie sich Iggy Pop anfühlt. Wie dieser ikonenartigste männliche Oberkörper der Rockmusik beschaffen ist, den er in der gut gefüllten Zitadelle Spandau einem enthusiastischen Publikum von der ersten Minute an in ungeschönter Nacktheit darbietet. Welche Textur dieses einzigartige Relief besitzt, wie straffe Muskelpakete und Partien altersbedingter Hauterschlaffung miteinander korrespondieren.

James Newell Osterberg alias Iggy Pop ist 61, und er stellt mit seinem Körper Dinge an, bei denen einem um halb so alte Musiker angst und bange werden würde: Er wirft seinen in ein schiefes Doppel-S gebogenen Leib mit Dreh-Knick-Sprüngen herum, verrenkt die Arme, dass man fürchtet, sie könnten aus den Gelenkpfannen rotieren, lässt den Oberkörper vor- und zurückschnellen, biegt ihn ins orthopädisch bedenkliche Hohlkreuz, verdreht den faltigen Hals, schleudert das blonde Haupthaar, federt mit den spargeldünnen, in enge Jeans gestopften Beinen über die Bühne, lässt den kleinen Knackarsch in lasziven Zuckungen kreisen.

2003 hat Iggy Pop nach fast 30 Jahren die Überlebenden seiner alten Band The Stooges reaktiviert. Ein weiser Schritt: Statt häufig wechselnder Begleitmusiker hat Iggy jetzt ein festes Ensemble, mit dem er sich durch ein mehrheitlich aus Klassikern bestehendes Repertoire pflügt. Die Brüder Ron und Scott Asheton an Gitarre und Schlagzeug bilden den Nukleus der Gruppe: Ron, Typ scheuer Alt-Nerd in Multifunktionsweste, weicht verdattert zurück, als Iggy zu „No Fun“ ein Dutzend enthemmter Fans zum Toben auf die Bühne einlädt. Dafür hält er mit stumpf gehackten Riffs und exzessiven Wah-Wah-Saitenquälereien die schlichten, aber ungemein effektiven Hardrock-Explosionen auf Lärmkurs, während der sonnenbebrillte Scott mit der Anmutung eines pensionierten Kuba- Revolutionärs stoische Rumpelrhythmen darunterrührt.

Mit dem in eine unglaubliche Kakophonie mündenden „1970“ kommt nach der Hälfte des Sets Saxofonist Steve MacKay hinzu, der wie ein liebevoll gealterter Hippie-Onkel und daher etwas deplatziert wirkt. Aber sein verqueres Getute ist unverzichtbar. Der 1975 verstorbene Dave Alexander wurde bei der Neugründung durch Mike Watt ersetzt, der in den Achtzigern bei US-Undergroundbands wie Minutemen und Firehose den Bass bearbeitete. Mit 50 der längst ergraute Junior der Band, macht Watt am ehesten Anstalten, Iggys Aktionismus eigene Akzente entgegenzusetzen. Trotz Spagatandeutungen und simulierter Verstärkerkopulation bleibt indes klar, wer hier Chef im Ring ist.

In frühen Jahren seiner Karriere schreckte Iggy Pop bei Konzerten vor kaum einem selbstzerstörerischen Akt zurück, ritzte sich mit Rasierklingen die Brust auf oder prügelte sich mit Zuschauern, die den Abrissbirnenkrawall der Stooges nicht zu schätzen wussten. All das und zahllose Drogenexzesse hat er nicht nur überlebt, es war auch der Stoff, aus dem sich seine Legende speiste. Den Mythos des Schmerzensmanns, der vor allen anderen Punk war, hat Iggy im Laufe der Jahre in eine Art Reality-Soap des Rock transformiert, an der nichts mehr gefährlich oder gar destruktiv wirkt.

Im Gegenteil, ein fitterer Sixtysomething ist kaum vorstellbar, dem man zudem ansieht, welch maliziöses Vergnügen ihm seine Peformance bereitet. Und man kann sicher sein, dass er all die physische Verausgabung schon hunderte Male mit gleicher Präzision und Hingabe abgeliefert hat. Dennoch nimmt man dem alten Leguan ab, dass all dies mehr als ein Spiel ist, und zwar nicht nur, weil er es irgendwann einmal gelebt hat. Es ist die unvergleichliche Intensität, der sportliche Ehrgeiz, restlos alles zu geben, die den Altmeister in jeder Sekunde eines begeisternden, rund anderthalbstündigen Auftritts glaubwürdig macht.

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