Interview : Campino: "Ich war lange nicht so glücklich wie in Palermo"

Er wollte mal Claudia Cardinale heiraten und bewundert Grönemeyers Talente: Campino im Interview über das Schauspielen, Nacktaufnahmen und eine SMS von Sting.

Palermo Shooting
Der Fotograf Finn (Campino) in einer Szene von "Palermo Shooting".Foto: dpa

Ist Ihnen schon mulmig vor dem kommenden Donnerstag?



Nein. Wieso?

Wenders’ Film läuft an, mit Ihnen in der Hauptrolle, und in den Zeitungen erscheinen Kritiken.

Und da soll’s mir mulmig sein?

Sie haben vor zwei Jahren in der „Dreigroschenoper“ den Mackie Messer gespielt, Klaus Maria Brandauer führte Regie. Nach der Premiere gab es lautstarke Buh-Rufe. Die haben Sie verdrängt?

Bei aller Liebe: Sie galten nicht mir. Es gibt keinen Grund für mich, das als Flop-Erfahrung zu verbuchen. Das Stück war 45-mal ausverkauft, jede Vorstellung 1500 Zuschauer, es war die meistgesehene Theaterproduktion im deutschsprachigen Raum. Man darf das Chaos im Vorfeld nicht vergessen, wir konnten nur nachts proben, der Admiralspalast war eine Baustelle bis zur Premiere. Ich habe Klaus noch gesagt, da muss jetzt einer raus und das dem Publikum erklären und sich entschuldigen.

Und?

Brandauer sagte, wir ziehen das durch, wir entschuldigen uns für gar nichts.

„Spiegel online“ schrieb: „Campino bemüht sich als Theaterlaie redlich, leider muss er irgendwann den Mund aufmachen.“ Die „Süddeutsche“ hat Ihnen geraten: „Ein paar Monate Schauspielunterricht hätten ihm sicherlich genützt.“

Soll ich jetzt die guten Kritiken zitieren? Wollen wir uns ernsthaft gegenseitig mit so einem Scheiß bombardieren? Es war auch ein „Chapeau“ zu lesen, und bei den aktuellen Vergleichen mit anderen Neuinszenierungen dieses Brecht-Stücks kamen wir ganz gut weg. Ich habe jedenfalls durch diese Arbeit viel gelernt.

Was denn?

Es kommt beim Theater alles auf den ersten Abend an, zack! Es wurde schnell vergessen, dass wir keine Mikrofone benutzen durften, es hieß: Ein Schauspieler hat seinen Ton bis in die letzte Reihe zu bringen. Wir hatten akustische Probleme. Ich musste auch meine Nervosität bekämpfen, mich an dieses neue Terrain gewöhnen, das hat ein paar Tage gebraucht. Wenn Journalisten mir diese Schonfrist nicht geben wollen, weil ich eine erfahrene Rampensau sei, ist das auch in Ordnung. Niemand muss Beifall klatschen, weil ich mich in einem anderen Genre versuche. Nur hänge ich jetzt nicht da wie ein zitterndes Häschen und habe Angst, es könnte einer „Buh!“ rufen.

Gertrude Stein sagte mal, was sie sich für ihre Arbeit wünsche: „Lob. Lob. Lob. Lob.“

Ich ja auch, aber ich hab im Moment keine Zeit für solche Sachen. Ab Freitag stehe ich mit den Toten Hosen auf der Bühne, 22 Konzerte bis Jahresende, da musst du alles geben. Ich habe mein Häschen-Erlebnis ja schon in Cannes gehabt …

… wo „Palermo Shooting“ beim Filmfestival lief …

… und das total achterbahnmäßig. Nach einer Pressevorführung gab es vernichtende Urteile, bei einer anderen war die Resonanz positiv. Ich ging schon mit gesenktem Haupt zur großen Vorführung, und als am Ende die Lichter angingen, wurden wir eine Viertelstunde lang mit stehenden Ovationen abgefeiert.

Im Film spielen Sie einen hektischen Starfotografen, der dem Rummel nach Palermo entflieht, dort von Amors Pfeil getroffen wird und dem Tod begegnet. Alles sehr bedeutungsschwer.

Mir war klar, mit Wim Wenders wird das kein Kommerzstück. Ich will aber als Schauspieler nicht als einer von sieben Zwergen im Wald rumhüpfen.

Gab es in all der Zeit mal einen richtig guten Rat von einem erfahrenen Kollegen?

Sting hat mir eine SMS zukommen lassen: „Fuck the critics!“

Wenders hat im Jahr 2000 ein Video für die Toten Hosen gedreht. Wie kamen Sie denn jetzt zu der Hauptrolle?

Er hat angerufen und gesagt: Ich hab’s. Ich fragte: Was hast du? Er sagte: Den Stoff für den Film, den ich schon immer mit dir drehen will. Er ist mit dem Skript vorbeigekommen, ich war gerade in Berlin, er sagte: Lies mal, wenn es dir nicht gefällt, werfe ich es weg, die Geschichte ist auf dich gemünzt.

Glauben Sie, er hätte es weggeschmissen?

Ja. Erst mal war meine Freude riesig, und dann kam der Schreck. Schaffe ich es, so einen Film zu tragen? Soll ich mir den Schuh nach der „Dreigroschenoper“ echt anziehen? Ich wollte Wim einfach nicht enttäuschen, wo er mir mit dieser Rolle so viel Vertrauen geschenkt hat.

Es ist mehr als eine Hauptrolle, die Sie da spielen. In so gut wie jeder Szene sind Sie zu sehen. Schoss Ihnen da nie durch den Kopf: Campino, lass das, du überhebst dich!

Warum soll ich mich bremsen? Ich habe zu Wim gesagt, dir ist hoffentlich klar, ich habe Schauspielerei nicht handwerklich gelernt. Er meinte, lieber eine unbespielte Festplatte als eine mit Unsinn drauf. So hat Brandauer auch argumentiert. Und ich gebe zu, ich habe nicht die größtmögliche Energie aufgewendet, um die beiden vom Gegenteil zu überzeugen. Wie blöd müsste ich sein, diese Chance nicht zu nutzen, mit zwei solchen Könnern zu arbeiten. Das bringt mich doch weiter, da lerne ich! Ich mache seit 30 Jahren Punk, immer die eine Sache, wie soll ich mich denn dabei sonst entwickeln?

Sie kennen es, vor der Kamera zu stehen. Es werden Videos für die Toten Hosen gedreht, über Sie gibt es Dokumentarfilme, Sie posieren für Fotos. Halfen diese Erfahrungen bei der Schauspielerei?

Ich weiß, was ein Beleuchter ist und ein Tonmann, dass es Schienen für die Kamera gibt und wie es an einem Set aussieht. Bei den Toten Hosen geht es aber darum, man selber zu sein, nicht vorzugeben, jemand anders zu sein. Beim Schauspielen ist es genau umgekehrt.

Sie haben schon früher in Filmen mitgemacht, 1986 drehte Bernd Schadewald „Verlierer“ über Straßengangs im Ruhrgebiet und 1992 Hanns-Christian Müller die Komödie „Langer Samstag“. Wir haben beide angesehen und …

… das ist nun wirklich eine gemeine Vorbereitung!

Beide Male spielten Sie einen Punk, also sich selbst.

Es war viel schlimmer. Ich war ja im wahren Leben weder der Trottel von der Gang aus Essen noch der Depp aus dem bayerischen Einkaufsladen. Da lief angeblich Campino rum, der aber nicht Campino sein sollte, das ging mir auf den Sack. Ich habe damals beschlossen: Lass die Finger vom Film! Dabei war das Team um Müller ein Knaller: Gisela Schneeberger, die Biermösl Blosn, Jochen Busse, Ottfried Fischer. Die Schneeberger bewundere ich sehr, Filme wie „Kehraus“ oder „Man spricht deutsh“ waren super. Alles wäre gut geworden, wenn sie mich als Yuppie besetzt hätten , aber nein, ich musste den duften Punk von nebenan geben.

In der „Zeit“ stand: „Campino hat ein ewiges Grinsen im Gesicht: eine prominente Fehlbesetzung.“

Verrisse lesen scheint ein Hobby von Ihnen zu sein! Wahrscheinlich habe ich verzweifelt gegrinst. Es war ein Desaster. Wenn ich den Film heute sehe, kriege ich Magenschmerzen.

Diesmal landen Sie mit der schönen Giovanna Mezzogiorno im Bett, aber es passiert nichts. Waren Sie froh drüber?

Wim Wenders ist ja nicht bekannt dafür, versessen auf Sexszenen zu sein. Ganz ehrlich, man hätte mich nicht lange prügeln müssen, um die mal richtig zu küssen. Die Frage ist doch, ob sich eine Sache logisch aus dem Drehbuch entwickelt, und dann hätte ich auch alles ganz professionell mitgemacht, kein Thema. Andererseits muss ich in meinem Alter nicht dauernd nackt durchs Bild rennen.

Für das Cover von „Reich & sexy“ hat der Fotograf Andreas Gursky vor Jahren die nackten Toten Hosen zwischen 70 nackten Models abgelichtet …

… und das Schöne ist, wenn der Gursky so etwas macht, ist es Kunst. Das war schon ein komischer Morgen, die Mädels im Garten mit ihren Badetüchern und Mobiltelefonen, es sah aus wie ein riesiger Swingerclub. Gursky hat uns dann alle zu einer Gruppe drapiert, und solange man nackt zwischen den nackten Frauen sitzt und Richtung Kamera guckt, kann man sich mit Gedanken an die Steuererklärung ablenken. Doch dann wollte der Fotograf, dass ich mir den Aufbau durch die Kamera anschaue. Da kam ich mir ein bisschen blöde vor.

Wim Wenders war ganz angetan von Ihrem Mut. Sie sind auf Bäume geklettert, in Palermo auf dem Bauch über die Straße gerutscht, Sie fallen im Hafen ins Wasser.

Da sieht sich der Junge in mir gefordert. Ins Meer springen hat sogar Spaß gemacht, das mit dem Rutschen ist schon pikanter. Ich musste eine millimeterdünne Holzplatte zwischen Brust und Bürgersteig stecken, und dann zogen mich zwei Mann an einem Seil. Wenn das schiefgeht, schmirgelt einem die Haut ab.

Alles ging gut?

Bis auf den ersten Drehtag mit Milla Jovovich ...

... die ein Starmodel ist und Schauspielerin ...

... da war ich verkrampft, weil ich unbedingt gut sein wollte. Da fällt mir ein: Was mich für die Prügel bei der „Dreigroschenoper“ völlig entschädigt hat, war die Woche mit Dennis Hopper. Ein cooler Typ, der es überhaupt nicht nötig hat, sich aufzuspielen, sehr locker.

Hopper verkörpert den Tod, furchtbar bleich geschminkt, mit Glatze.

Der hätte ja eben mal sagen können: „This German looks very stupid“, oder mich für mein Spiel kritisieren, und schon wäre ich völlig verunsichert gewesen. Aber er hat mich beim Spielen einfach mitgenommen.

In einer Szene müssen Sie weinen. Konnten Sie das so auf Befehl?

Ich habe versucht, es so gut wie möglich zu machen, mehr Worte muss man dazu nicht verlieren.

Haben Sie sich auf diesen Film vorbereitet? Es gibt ja 1000 Tipps von Profis. Peter Fonda etwa rät: „Wer gestikuliert, verliert Kraft.“ Und von Michael Caine gibt es sogar das Lehrbuch „Acting in Film“.

Das kenne ich nicht, und ich befürchte, wenn ich mich von allen vollquatschen lasse, versaut mich das. Auch in Berlin im Theater meinten es viele gut. Brandauer hat mich zur Seite genommen: „Hör dir das nicht an, was die labern, ist Blödsinn.“

Können Sie jetzt wenigstens Ben Affleck verstehen, der sagt: „Mein Beruf ist Warten im Wohnwagen.“

Dieses Rumhängen kann sehr nervig sein und anstrengend, denn auf Zuruf muss man voll konzentriert sein – deshalb ist es ja kein Schluffi-Job.

Das Geld als Schauspieler ist härter verdient als das des Musikers?

Ich bin in Palermo oft total bedient ins Bett gefallen, ohne einen Tropfen Rotwein, einfach durch die Kopfarbeit. Aber körperlich ist eine Tournee anstrengender, da gibt es blaue Flecken ohne Ende, und wenn meine Stimme auf Tour streikt, steht gleich alles auf dem Spiel. Ich könnte nicht jeden Abend ein Konzert geben, Theater spielen dagegen schon.

Ihre Bilanz der neun Wochen Drehen mit Wenders?

Ich hatte davor privat keine so gute Zeit. Ich war seit vielen Jahren nicht mehr so glücklich wie in Palermo. In dieser Stadt aufzuwachen, die Sonne scheint, immer dasselbe Eckcafé, derselbe Metzger. Alle Sizilianer bedankten sich, dass da mal einer etwas dreht, was nicht mit Mafia zu tun hat. Der freie Tag am Strand, dieses dunstige Gaslicht nachts in der Altstadt ... Schon wegen dieser wunderschönen Gefühle wünsche ich, dass alle Beteiligten mit dem Film gut leben können.

Wenn Sie jetzt mit den Toten Hosen auf Tour gehen, müssen Sie wieder den alten Campino geben.

Nein, ich werde definitiv ein anderer sein. Ich habe ja sehr viel darüber nachgedacht, wie ich wirke, wie man Publikum anspricht, wie man sich auf der Bühne bewegt, was Licht für Effekte hat. Wir werden auch unsere Konzerte in Zukunft anders anfangen, aber da müsste ich jetzt aus dem Nähkästchen plaudern.

Nur zu.

Na ja, wir sind bisher raus auf die Bühne und haben nach alter Ramones-Schule ohne „Guten Abend“ zu sagen drei Lieder runtergebrettert. Das war eigentlich defensiv. Ich möchte jetzt direkt das Publikum ansprechen. Nicht stumpf „Hallo Bielefeld – nette Mehrzweckhalle hier“, das durchschauen die Leute sofort. Der erste und der letzte Satz zum Publikum sind tierisch wichtig.

Ein schneller Cineasten-Check: Gehen Sie eigentlich selbst ins Kino?

Liebend gern, aber zu selten. Auch der neue Bond wird mir durch die Lappen gehen, „Control“ von Anton Corbijn habe ich gesehen. Ich möchte alles von Woody Allen sehen, von Robert de Niro, von Jack Nicholson – diese Figuren enttäuschen mich nie. Ich warte dann immer auf die nächste Tournee und nehme DVDs mit in den Tourbus.

Schon mal im Kino verliebt?

Als ich Claudia Cardinale in „Spiel mir das Lied vom Tod“ sah, wollte ich sie auf der Stelle heiraten.

Aus welchem Film sind Sie rausgegangen?

Adriano Celentano, bei dieser Art von Pennälerhumor war nach einer Viertelstunde Schluss.

Im „Wunder von Bern“ geweint wie Gerhard Schröder?

Diese Art von Volksverdummung findet ohne mich statt! Den Ungarn wurde im Finale 1954 ein korrektes Tor aberkannt, ich wette, das kommt auch in diesem Film nicht vor, das wird in Deutschland seit Jahrzehnten totgeschwiegen. Aber immer wegen Wembley quäken!

Wer sind die Punks des Films?

Quentin Tarantino und Monty Python’s Flying Circus. Einbeinige zum Wettrennen antreten zu lassen, das ist schon Punkrock.

Wer kann denn beides: Musik und Schauspielerei?

Grönemeyer spielt verdammt gut im Film, finde ich, und auf der „Mensch“-Platte sind ihm drei, vier richtig gute Stücke gelungen.

Ihr letzter Besuch im Kino?

„Der Mondbär“, vorgestern. Der Mond wird von einem Flugzeug gerammt und fällt in den Wald, wo der Bär wohnt. Die anderen Tiere sind sauer, weil es so dunkel ist. Mit vereinten Kräften hängen sie den Mond wieder auf. Toll! Nur mein viereinhalbjähriger Sohn war nicht beeindruckt. Gestern waren wir im Theater, in „Der kleine Prinz“, mit viel Videoanimation. Das kam besser an. Die Jugend von heute ist schon ziemlich abgefuckt.

Das Gespräch führten Ulf Lippitz und Norbert Thomma.

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