Interview : "Kaviar im Flugzeug schmeckt echt widerlich"

Paul van Dyk düst jedes Jahr 16 Mal um die Welt. Er erklärt, warum er nie auf 1A sitzt und Berliner Clubs mittelmäßig sind.

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Der DJ Paul van Dyk, 38.
Der DJ Paul van Dyk, 38.Foto: ddp

Herr van Dyk, wir befinden uns gerade in Ihrem Büro am Ku’damm. Aber wissen Sie eigentlich, wo Sie morgen sein werden?

Ach je. Moment, ich hab’s gleich …

(Van Dyks Assistentin formt mit ihren Lippen ein paar Vokale.)

Costa Rica, genau. Ich lege im Torre Geko auf.

Wie würden Sie Ihrer Großmutter beschreiben, womit Sie Ihr Geld verdienen?

In erster Linie bin ich Musiker. Das heißt, ich habe eine Idee und komponiere daraus einen Track …

… ein Lied.

Als DJ spiele ich die Tracks aber nicht einfach runter, sondern entwickle sie vor Ort, in einem Club, weiter. Vor Publikum geht es darum, schnell zu reagieren, eine Verbindung aufzubauen und mit der Musik gute Stimmung zu verstärken. Dabei spiele ich mit Stilen, Tempi und Effekten.

Feiern die Leute in Costa Rica anders als, sagen wir, in Moskau?

Nein. Das ist das Besondere an elektronischer Musik: Aus einer kleinen Subkultur ist die größte Musikbewegung der Welt geworden. Die Leute, die sich im Torre Geko versammeln, kennen und lieben diese Musik ebenso wie die in Moskau.

Haben Sie schon gepackt?

Fragen Sie lieber, ob ich schon ausgepackt habe. Was die Packerei betrifft, bin ich sowieso eher pragmatisch. Meist bin ich vier Tage unterwegs. Das bedeutet: vier Unterhosen, vier Paar Socken, sechs T-Shirts und zwei Hosen.

Die Klimazone spielt dabei keine Rolle?

Meine Erfahrung sagt mir: Es ist entweder warm oder kalt. In Costa Rica ist es aller Wahrscheinlichkeit nach warm.

Sie reisen pro Jahr 16 Mal um die Welt, der allein von Ihnen verursachte CO2-Ausstoß beträgt damit etwa 100 Tonnen. Klimaforscher sagen, verträglich wäre eine Tonne.

Aber, aber! Wenn sich all die Leute, die mich sehen wollen, ins Flugzeug setzen und nach Berlin fliegen würden, wäre es schlimmer. Außerdem gebe ich für meine Tickets freiwillig mehr, von diesem Geld werden Bäume gepflanzt. Irgendwo muss ein riesiger Van-Dyk-Wald wachsen.

Sie überziehen den Globus wahrscheinlich mit Handyaufladegeräten. Wie oft vergessen Sie die Dinger in Hotelzimmern?

Seit ich ein iPhone habe, passiert das eher selten, weil der Akku so schnell leer ist. Als iPhone-Benutzer ist man im Prinzip Energie-Nomade. Du kommst irgendwohin und sagst: „Hallo, wie geht’s? Habt ihr Strom?“

Schon mal passiert: Sie standen am Flughafen und hatten nicht mehr genug freie Seiten im Reisepass?

Nein. Erstens arbeiten tolle Leute für mich, die so etwas organisieren können. Zweitens kann man sich vom Amt für unverschämt viel Geld zusätzliche Seiten in den Reisepass machen lassen. Ich besitze übrigens zwei Pässe, mit einem Stempel aus Israel kommt man ja nicht in den Libanon.

Stimmt es, dass Sie nach Möglichkeit versuchen, im Flugzeug immer auf demselben Platz zu sitzen?

Anders gesagt: Ich vermeide 1A, dort hängt ein großer, heller Monitor an der Wand, der die ganze Nacht anzeigt, wo man sich gerade genau über dem Atlantik befindet. Ich mag 1K.

Sind Sie Fan von seatguru.com, wo die Vor- und Nachteile von Sitzplätzen diskutiert werden?

Diese Seite brauche ich nicht mehr! Ich schaue stattdessen auf airdisaster.com, das hilft beim Zusammenstellen meiner schwarzen Liste. Da sind sowohl Airlines als auch Flugzeugtypen drauf, die ich meide. In alles, was McDonnell Douglas heißt, steige ich nicht ein.

Sie erinnern an Ryan Bingham, den von George Clooney dargestellten Meilensammler aus „Up in the Air“. Haben Sie auch einen Trick, wie man schneller durch die Sicherheitskontrolle kommt?

Es gibt keinen, man muss alles auspacken und durchschieben. Ich brauche drei Plastikschalen: zwei für meine Laptops und eine für die Tasche. Ich hab oft das Pech, dass ich zur Gepäcknachkontrolle muss. Dann kommen wieder die Typen mit dem Wattebausch, die auf den Tastaturen meiner Rechner nach Sprengstoff suchen.

Der unangenehmste Typ, neben dem Sie jemals auf einem Langstreckenflug gesessen haben?

Es war von Mexico City nach Frankfurt. Drei Männer hatten ihren eigenen Tisch mitgebracht und fingen an, Skat zu kloppen.

Der letzte Film, den Sie über den Wolken gesehen haben?

„Kampf der Titanen“. Das Ende habe ich verpasst, weil wir landen mussten.

Chicken, Beef oder Kaviar?

Butterbrote mit Salz. Ich finde die Leute total albern, die denken, sie müssten in der First Class jetzt mal ganz doll Kaviar essen. Ich kann Ihnen versichern: Schon aufgrund der Klimaanlage und der Druckverhältnisse – Kaviar schmeckt über 30 000 Fuß einfach widerlich.

Die beste Strategie, an Bord zu schlafen?

Kein Champagner, nur leichtes Essen. Müde sein. Unter die Decke schlüpfen, zusammenrollen, schlafen. Das geht natürlich nur, wenn keine schreienden Kinder hinter einem sind.

Haben Sie in der First Class schon mal eine Freundschaft geschlossen?

Nein. Ich nutze die Zeit zum Entspannen. Nach der Ankunft gebe ich die ganze Zeit Vollgas. Wenn ich am nächsten Morgen weiterreisen muss, begrüßt mich oft dieselbe Crew – im Gegensatz zu mir haben die geschlafen.

Das heißt, Sie nutzen Ihre Hotelzimmer gar nicht?

Manchmal schlafe ich eine halbe Stunde. Beim Aufwachen weiß ich dann nicht: Ist es jetzt vor oder nach dem Gig? Ich bin schneller als der Jetlag.

Ihr Kollege DJ Hell ist sauer, weil Sie ihn nicht in Ihrem Flughafen-Shuttle mitnehmen wollten.

Was? Unsinn. Was er meinte, ist der VIP-Service von Fraport. Der bringt die VIP-Kunden über das Rollfeld von einem Flugzeug zum nächsten, so dass diese nicht durch den Terminal laufen müssen. Hell dachte aber, das sei der Transferservice der Lufthansa vom HON Circle …

… dem Extrem-Vielflieger-Programm der Lufthansa.

Bei Fraport kann man nicht einfach irgendjemanden mitnehmen, weil man vorher seine Papiere einreichen muss. Sonst wäre ein Transfer über das Rollfeld aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt. Die Zeit, Hell das zu erklären, hatte ich aber nicht.

Ein Youtube-Video zeigt, wie er sich im Sheraton Hotel in Perth ein Schild an den Oberkörper klebt: „I’m Paul van Dyk“. Dazu singt er: „I’m Number 1. Don’t fuck with me.“ Haben Sie sich vertragen?

Ich habe ihn seitdem leider nirgendwo mehr gesehen. Vielleicht liest er ja dieses Interview.

Was machen Sie als Erstes, wenn Sie wieder auf dem Boden sind?

Alles einschalten. Es macht ding, ding, ding, ding. 20 neue E-Mails, verpasste Anrufe. Und ich stelle meine Armbanduhr auf Ortszeit, iPhone und Blackberry bleiben auf Berliner Zeit.

Das Letzte, was Sie am Flughafen gekauft haben?

Ein Gadget am Changi-Airport in Singapur: Kopfhörer mit einem fantastischen Klangspektrum.

Was passiert, wenn Teile Ihrer technischen Ausrüstung nicht rechtzeitig ankommen?

Das komplette Equipment existiert in dreifacher Ausfertigung: Ein Set reist mit uns, eines ist in Europa, das dritte ist in West Palm, Florida. Für den Fall, dass einer der beiden Laptops abstürzt, haben wir immer eine Ersatzfestplatte dabei. Vor vier Wochen in Las Vegas fuhr einer der Rechner nicht mehr hoch. Also kamen wir auf die clevere Idee, die Harddrives einfach auszutauschen. Nur: Damit hatten wir beide Motherboards zerschossen.

Apropos abstürzen …

Einmal ist mein Wasserglas pfeilschnell nach oben geschossen. Luftloch.

Und woran merken Sie, dass Sie in Berlin landen?

Ich freue mich beim Landeanflug! Entweder ich sehe Pankow oder die Seen von Potsdam. Ich bin wirklich ein Homie – je öfter ich weg bin, desto wichtiger ist das, was ich mit dem Begriff Zuhause verbinde: Familie, Freunde, das Lieblingsrestaurant. Selbst der Elektriker.

Der Flughafen Tegel macht bald dicht.

Tegel ist perfekt, wenn man nur Handgepäck hat. Aus der Maschine rein ins Auto. Ja, es ist schade.

Der „Easyjetset“ – den Begriff hat der Musikjournalist Tobias Rapp in seinem Buch „Lost and Sound“ geprägt – strömt aus Schönefeld in die Stadt …

Entschuldigung, aber dieses Buch ist unsäglich. Es macht deutlich, mit welcher Selbstzufriedenheit der Autor den Status quo akzeptiert. Aber in der Sekunde, in der du dir für deine Clubs auf die Schulter klopfst, hast du verloren – und Singapur und Sydney ziehen links und rechts an dir vorbei.

Ihnen geht die Selbstzufriedenheit der Berliner Protagonisten gegen den Strich?

Ja. Ich sehe oft, wenn ich reise, Besseres als in Berlin. Das Problem ist diese Och-looft-schon-Mentalität, die das Mittelmaß schleichend etabliert.

Wo beobachten Sie die konkret?

Neulich war ich gerade beim Soundcheck in einem sehr schönen und bekannten Berliner Club, als ich merke: Moment mal, es gibt dort die Voraussetzungen für eine Vier-Ecken-Beschallung. Aber unten rechts funktioniert nur die Bassbox, und hinten rechts die Mitten. Ich kontrolliere also die Kabel, und der Grund, warum der Rest der Anlage nicht geht, ist die Bierkiste im Abstellraum, die jemand dicht an die Verstärker gestellt hat. Das war sechs Monate lang keinem aufgefallen.

Die Music Week wird solchen Schlendrian auch nicht ändern.

Langfristig schon. Ich freue mich wirklich darauf, das ist endlich ein richtiger Ansatz. Energien werden gebündelt, Schluss mit dem vereinzelten Rumgefrickel der Clubbetreiber. Die Leute haben kapiert: Ich bin hier nicht ganz allein in der Lage, weltweit die Glocken klingeln zu lassen.

Sie spielen zur Music Week in der Arena am Ostbahnhof. Clubatmosphäre sieht anders aus.

Mir ist eben wichtig, dass die Technik stimmt. Wir nageln niemanden an der Bestuhlung fest. Das wird großartig!

Dimitri Hegemann, Tresor-Chef und Ihr früherer Mentor, hat uns gesagt, er hätte Sie gerne als Top-Act zur Eröffnung seines neuen Kunstraums an der Köpenicker Straße.

Ja? Wie schön, könnte man drüber nachdenken.

Herr van Dyk, wie hoch ist eigentlich das Niveau, auf dem Sie jammern?

Hoch. Es gibt einiges, was in Berlin passiert, vor allem aus dem Indiebereich kommen viele interessante Bands wie The Ting Tings hierher. Ich möchte in keiner anderen Stadt leben.

Sie leben doch gar nicht in der Stadt. Sie leben in Grunewald.

Ich bin in Friedrichshain zur Schule gegangen, ich habe in Wedding und in Kreuzberg gewohnt. Jetzt wohne ich halt da, wo es grün ist. Ich will unten rausgehen und meine Ruhe haben. Wir haben auch am Savignyplatz gelebt. Huuup, huuup – irgendwer hat immer in der zweiten Reihe geparkt. Von unserem Haus fahre ich jetzt auch nicht länger als zehn Minuten dorthin. Dann stelle ich mich in die zweite Reihe und nerve.

Wie hätten Sie reagiert, wenn Ihnen jemand prophezeit hätte: „Mit 38 wohnst du im Grunewald und bist Mitglied im HON Circle?“

Ich hätte gesagt: „Es gibt gar keinen HON Circle.“

Und was würden Sie dem 20-jährigen Paul raten, wenn Sie ihn heute treffen würden?

„Selbst wenn du mit deinen besten Freunden ein Ding aufziehst, schreib auf einen Zettel, warum. Wenn ihr euch mal streitet, könnt ihr nachschauen, warum ihr zusammen angefangen habt. Mach Verträge!“ Ich habe, was so etwas angeht, unglaublich viele Fehler gemacht.

Am 24. Juli haben Sie beim Pleasure-Island-Festival in Tschechien gespielt. Wie haben Sie dort von dem Unglück in Duisburg erfahren?

Als das passierte, war ich noch in Deutschland und wir schauten Fernsehen. Da lief auf einmal der Newsflash durchs Bild. Ich war furchtbar entsetzt – auch über die Veranstalter, die auf ganzer Linie versagt haben.

Warum waren Sie nicht auf der Loveparade?

Weil das nicht mehr meine Loveparade ist. Ich war zum letzten Mal 2006 wirklich dabei, auf der letzten Loveparade in Berlin. 2008 waren wir dann noch einmal in Dortmund auf der Mc-Fit-Parade. Die Loveparade ist im Ruhrpott zu einem großen Volksfest für die ganze Familie geworden. Ich meine, die Leute sind dort um 18 Uhr schon wieder nach Hause gegangen.

Sie sagen: „Ich fühle, wann ich bei einem Set Energie rausnehmen muss.“ Wie denn?

Wenn man in einen Raum kommt, wo sich gerade zwei gestritten haben, sagt man: Hier ist dicke Luft. Jetzt stellt euch dieses Gefühl in positiv vor, multipliziert mal tausend. Dann ist es soweit. Ich gestalte die Musikalität minimalistischer, bis nur noch Drums zu hören sind. Wenn dann in der ersten Reihe alle gähnen, weiß ich: Jetzt muss ich langsam wieder ziehen. Länger als 20 Minuten kann kein Mensch euphorisch sein.

Sie wirken bei der Arbeit extrem konzentriert. „Wie ein Herzchirurg“, schrieb ein Journalist.

Na ja, ich bin gut ausgeleuchtet. Niemand kann sehen, dass ich wie Sau schwitze. Disziplin ist das Wichtigste. Ich kann auf Tour nicht schon am ersten Abend feiern gehen und dann durchhängen.

Müssen wir uns Sorgen machen? Jetzt haben Sie auch noch eine Melodie zu Ehren eines Dressurpferdes komponiert.

Sandro Hit! Kaum ein Hengst hat die Dressurpferdezucht so beeinflusst wie er. Meine Frau besitzt einen seiner Nachkommen. Sandro ist ein Über-Pferd, seine Bewegungsabläufe sind legendär. Als er in Rente ging, hab ich einen Song zur Verabschiedung in der Reithalle Vechta geschrieben.

Und Ihre eigenen Bewegungsabläufe?

Ich bin mehr so ein Springinsfeld, der programmierte Raver. Aber ich habe schon lange nicht mehr getanzt.

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