Interview : Lieder von Liebe und Protest

"Joseph Beuys ist musikalisch genauso peinlich wie Nicole", sagt der Berliner Label-Gründer George Lindt. Warum es beide dennoch auf die Compilation "Protestsongs de" von "Lieblingslied Records" geschafft haben, erklärt Lindt im Interview.

Achim Fehrenbach

Wie kamen Sie auf die Idee, "Lieblingslied Records" zu gründen? Mit welcher Release haben Sie begonnen, und wie war die Resonanz?



Ich habe vorher schon ein Label gehabt, aber meine Interessen waren immer eher unabhängig von Musikstilen. Für mich gibt es eigentlich nur Musik, die mich irgendwie kickt oder eben nicht. Der Kampf und der Deal um Bands ist mir auch zu nervenaufreibend. Mir geht es um Projekte und deren charmante Realisierung. Ich sehe alle anderen Labels als Partner und nicht als Konkurrenten. Die Idee von Lieblingslied ist und war, Projekte unterschiedlichster Art zu realisieren, fernab irgendwelcher Musikrichtungen und Stile, aber von Synergien eines Labels zu profitieren. Die erste Veröffentlichung war "Familienangelegenheiten aus Berlin" und wurde selbst im englischen "New Musical Express“ und in Japan abgefeiert, das war ein bewegender Moment für mich.

Wie kam Ihnen die Idee zu Protestsongs.de?

Die Idee kam mir, als mein ehemaliger Politiklehrer aus meiner Heimatstadt mich anrief und hier in Berlin auf Urlaub war. Er erzählte mir, dass er in Frührente gegangen war. Das schockierte mich, denn er war einer der wenigen Lehrer, die ich erlebte, die wirklich charismatisch ihren Stoff vermitteln konnten. Er sagte, er hätte keine Lust mehr Schüler zu unterrichten, die nicht mal mehr wüßten, was die Mauer war. Meine Reaktion darauf war eine Zeitreise oder, sagen wir, eine Kreuzfahrt durch die Geschichte des deutschen Protestsongs von 1944 bis heute bzw. von Lili Marleen bis "Die Ärzte". Mit einem umfangreichen Booklet mit allen Hintergründen. Ich verstehe die Doppel-CD so und sie macht mit all ihrer Ironie Spaß. Die Reaktionen auf Protestsongs.de waren sehr unterschiedlich. Verstanden haben sie leider nur wenige, nicht mal die taz. Aber der Deutsche Gewerkschaftsbund hat für seine jugendlichen Mitglieder gleich ein paar tausend Stück gekauft ...

Nach welchen Kriterien haben Sie die Stücke für Protestsongs.de ausgewählt? Warum schaffte es zum Beispiel "Ein bisschen Frieden" auf die Compilation?

Warum werde ich immer nach Nicole gefragt? Der Protestsong in Deutschland hat nicht nur seine Höhepunkte gehabt, sondern auch schwere Tiefschläge. Joseph Beuys ist musikalisch genauso peinlich wie Nicole, nur ist er feuilletonistisch eher anerkannt. Bei protestsongs.de geht es nicht nur darum, was cool und politisch korrekt ist. Das Booklet zur Doppel-CD ist genauso wichtig wie die CDs an sich auch. Wenn man sie sich anhört und dazu das umfangreiche Booklet durchliest, werden viele Parallelen und Hintergründe klar. Leider haben die meisten Journalisten, die die CD rezensiert haben, das Booklet nicht gelesen.

Wie lief das Straßenmusikfestival 2005? Was ist für 2006 in dieser Richtung geplant?

Wir hatten im Jahr 2004 die international sehr erfolgreiche DVD "Berlin Digital" veröffentlicht, die ein Porträt der elektronischen Musik in Berlin ist. "Berlin Analog" ist der konsequente Gegenentwurf und zeigt eine musikalische Seite von Berlin, die bisher noch niemals größere Beachtung gefunden hat, aber allgegenwärtig ist. Das dazugehörige Festival war mit über 1.000 Besuchern ein sensationeller Erfolg, aber wir werden es in diesem Jahr nicht nochmal ohne finanzielle Unterstützung realisieren können.

Booklets spielen bei Euren Veröffentlichungen immer eine große Rolle. Könntet Ihr Euch auch vorstellen, Musik nur über das Internet zu vertreiben? Oder würde das dem Grundkonzept von "Lieblingslied Records" widersprechen?

Wie sich ein Album "anfühlt", ist für uns sehr wichtig. Das Internet bietet zwar eine gute Möglichkeit, um auf unsere Produktionen aufmerksam zu machen. Wir bieten hier auch viel kostenlos an. Aber unser Veröffentlichungen als solche könnte das Netz niemals ersetzen.

Wie sind Sie auf die Idee mit den "Poetry Clips" gekommen?

Auf die Idee kamen die Berliner Poesie-Aktivisten Bas Böttcher und Wolf Hogekamp. Sie haben mich überzeugt, "Gedichte" in Videoclipform zu präsentieren. Ich finde das ein interessantes neues Literaturformat. Leider hat es nicht geklappt, einen Clip bei MTV oder VIVA unterzubringen. "Poetry Clips" ist aber auch ein Beispiel dafür, dass auch andere Leute auf "Lieblinglied Records" mit Ideen zukommen können und diese nicht immer von mir stammen müssen.

Welches Projekt hat Ihnen bis jetzt am meisten Spaß gemacht, und warum?

Das ist schwer zu sagen ... mir machen die Projekte, die noch nicht veröffentlicht sind, immer am meisten Spaß, weil man daran noch aktiv gestalten kann. Zur Zeit arbeite ich an dem Hörbuch zu meinem Roman "Provinzglück" (http://www.provinzglueck.de/), der letzten Herbst bei S. Fischer erschienen ist. Mit Christian Ulmen habe ich jemanden gefunden, der das so umgesetzt hat, wie ich es mir vorgestellt habe, und auch seine eigenen Ideen mit eingebracht hat. Ein angenehmer Partner. Ich hoffe, das Hörbuch wird viel Beachtung finden, denn es stecken viele verschiedene Gruppen von Herzblut drin ... Aber vielleicht mache ich mich auch nochmal an das Thema Protestsongs heran. Ich finde, dazu ist von meiner Seite noch nicht alles gesagt worden, ich habe da noch einige Ideen!

Welche weiteren Projekte sind für 2006 geplant?

Es wird noch einen Dokumentarfilm auf DVD geben, der die alternativen Musikstrukturen in Berlin und Hamburg aufzeigt. Außerdem die Doppel-CD "Poptastic Conversation". Und dann ... mal sehen. Ich bin immer für neue Ideen zu haben.

Wie wirkt sich das weit verbreitete Schwarzbrennen auf die Label-Arbeit aus? Was sind die größten Probleme eines kleinen Labels?

Bei "Lieblingslied Records" ist es so, als würde man mit einem kleinen Boot über den Ozean rudern und von allen Seiten stürmt es. Irgendwann wird es bestimmt untergehen, das kann die Schwarzbrennerei sein, das fordernde Finanzamt, die kranke KSK, die verrückte GEMA oder meine Lustlosigkeit.

Wie sehen Sie die Zukunft der Berliner Musikszene?

Ich glaube, dass immer mehr Labels sterben werden, weil die Leute immer mehr darauf sozialisiert werden, dass es alles umsonst geben muß. Die "Geiz ist geil"-Philosophie ist für mich das schlimmste überhaupt. Ich kann geizige Menschen überhaupt nicht ertragen. Viele unserer Label-Kollegen sind ja schon "weggebrannt" worden. Was soll man dazu sagen, wenn man auf einer Party angesprochen wird: "Hey, tolle CDs, die Ihr da macht - habe ich gerade von einem Freund gebrannt. Meine Freundin fand die auch toll, der habe ich gleich auch eine gebrannt?" Man möchte ja kein Partyschreck sein ...

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