Interview : Martin Kesici: "Du bist völlig ausgelutscht"

Martin Kesici, einst gefeierter Castingshow-Sieger, hat über seinen Aufstieg und Absturz ein Buch geschrieben und spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über schöne und unschöne Erfahrungen.

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Martin Kesici (36) gewann 2003 die Sat-1-Castingshow "Starsearch". -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Würdest Du mit Deinem heutigen Wissen noch mal an einer Castingshow teilnehmen?



Ja, wenn man sich in der Sendung wieder mehr auf die Musik besinnt.

Was wird den Teilnehmern denn vorgegaukelt, was später nicht eingehalten wird?

Die Shows werben ja damit, dass man reich und berühmt werden kann. Dass man Popstar wird, oder gar Superstar! Das bist du danach aber nicht. Aktuelles Beispiel ist Daniel Schumacher, der letzte DSDS-Gewinner. Der ist fast  schon wieder weg vom Fenster. Du wirst in diesen Shows sehr gehypt – das finde ich gerade schlimm für die jüngeren Teilnehmer. Die kriegen diese Glitzer-Popwelt ein bisschen mit und denken: „Wow, geil!“ Man wird anfangs verhätschelt und muss sich um nichts kümmern. Aber dann wirst du einfach fallengelassen! Ich kenne Teilnehmer, die anschließend zum Psychiater mussten.

Du warst aber nie soweit?

Nein. Weil ich vielleicht schon etwas reifer war. Eine Zeit lang habe ich hab mich mal in Alkohol und Drogen geflüchtet, das war alles.

Guckst Du Dir solche Sendungen noch an?

Manchmal beim Durchzappen bleibe ich hängen, neulich zum Beispiel bei „Popstars“. Es war eine sehr bezeichnende Szene zu sehen. Ein Mädchen heulte, weil es gerade rausgeflogen war, und sagte: „Ich habe extra meine Ausbildung abgebrochen, was soll ich denn jetzt machen?“ Ich verstehe nicht, wie man Schule oder Lehre aufgeben kann, nur um bei einem Casting mitzumachen in der Hoffung, dass man vielleicht gewinnt. Ich wurde von meinen Eltern noch so erzogen, dass ich erstmal eine Ausbildung absolvieren sollte.

Sind da die Teilnehmer schuld, weil die ihre Lehre aufgeben, oder der Sender, weil der einem suggeriert, dass man Popstar werden kann?

Man hat immer eine Eigenverantwortung. Dabei spielt auch eine Rolle, was die Eltern einem vermitteln. Ich kann schon nachvollziehen, dass es für eine 16-Jährige reizvoll ist, wenn sie eine Runde weiterkommt. Dass sie denkt, sie wird reich und berühmt. Das kriegt man nicht aus den Köpfen. Die Shows dauern zum Teil sechs Monate. Für so eine lange Zeit kann man Schule oder Lehre nicht einfach aussetzen. Und wenn man einmal auf der Bühne gestanden hat und Tausende Menschen jubeln einem zu, dann leckt man Blut.

Du hast gerade mit Markus Grimm von Nu Pagadi ein Buch über eure Erfahrung veröffentlicht. Warum gerade jetzt?

Weil ich immer wieder gefragt wurde: Man hört ja gar nichts mehr von dir – ist das wirklich so schlimm bei Castingshows? Und um nicht jedem das gleiche zu erzählen, dachte ich halt, okay, ich schreibe ein Buch. Man muss ja auch mal weiter ausholen um zu erklären, warum man nicht mehr da ist.

Mittlerweile gibt es Dutzende Castingshow, man weiß also, wie das läuft. Wirklich Neues erfährt man durch Eure Enthüllungen nicht.

Das sagen Leute, die ein bisschen Grips in der Birne haben. Aber 50 Millionen Deutsche wissen das nicht, sonst würden solche Sendungen nicht so groß sein. Ich will mit dem Buch nicht bezwecken, dass Castingshows eingestellt werden. Mir reicht es, wenn sich ein paar Teilnehmer von vornherein mehr Gedanken darüber machen würden. Und da nicht mit überzogenen Erwartungen hingehen.

Machen sich die Teilnehmer zu wenig Gedanken?

Definitiv. Die mediale Beeinflussung ist viel zu groß. Eine Umfrage an Schulen ergab vor kurzem, dass auf der Rangliste der Traumberufe nicht mehr der Astronaut auf Platz eins steht sondern der Popstar. Als ob das ein Beruf ist, den man mal schnell erlernen kann.

Eine Castingshow ist also gar kein Sprungbrett?

Sie ist Fluch und Segen. Du hast natürlich die Chance, schnell bekannt zu werden. Ohne mediale Hilfe geht es ja heutzutage kaum noch. Du hast aber dafür auch hinterher diesen Stempel, den man sehr schwer wieder los wird. Ich bin mittlerweile schon froh, wenn mal in der Zeitung vom „Musiker Martin Kesici“ die Rede ist und nicht vom „Starsearch-Gewinner“. Das ist schon mal ein Fortschritt. Die Finalshow einer Castingsendung gucken sich Millionen Fernsehzuschauer an. Hinterher kauft aber nur ein Bruchteil die Platten. Man interessiert sich nicht wirklich für die Musik. Das finde ich schade.

Bei Popstars und Co werden die Teilnehmer oft vorgeführt. Checken die das überhaupt?

Es ist eine komische Situation, denn du wirst vor allem von außen motiviert. Da melden sich auf einmal Freunde, von denen man jahrelang nichts gehört hat. Plötzlich bekommt man 130 SMS aufs Handy. Und alle setzen auf dich! Da willst du auch gewinnen! Alles andere nimmst du wie in einer Blase wahr.

Du kennst den Ruhm – und den Absturz. Wie hast Du das erlebt?

Ich bin innerhalb von sechs Wochen vom Bauarbeiter zum bekanntesten Gesicht Deutschlands geworden. Da hast du viele Annehmlichkeiten. Du lernst Leute kennen, fremde Länder und Menschen, das war voll mein Ding. Du hast mehr Geld in der Kasse, wirst herumkutschiert, musst dich nie um irgendwas kümmern. Wenn du dann abgestürzt bist, ruft dich keiner mehr an. Du sitzt zu Hause, guckst auf dein Telefon und auf deinen Terminkalender und merkst: „Huch, da ist ja plötzlich gar nichts mehr.“ Du machst ein paar Anrufe, aber keiner will dich mehr haben. Leute sagen dir wortwörtlich: „Du bist für die Medien völlig ausgelutscht.“ Das war schon hart. Geld war bei mir nie ein Thema, weil ich mir viel zurückgelegt hatte – das einzige, was ich mir geleistet habe, war eine Harley und eine dicke Couch. Der Prosieben-Chef hat mal gesagt, dass die Shows ein Sprungbrett seien und Bands wie Monrose, Queensberry und die No Angels das auch genutzt hätten. Von acht oder neun Castingshows sind das drei. Eine traurige Bilanz.

Es sind vor allem ausschließlich Frauen…

Komischerweise funktionieren Frauen besser. Wer erinnert sich denn bitte noch an Room 2012 oder wie die hießen? Die haben doch nicht mal mehr einen Nummer-1-Hit gehabt. Traurig. Da machst du dich sechs Monate zum Affen für nichts.

Was hast Du denn verdient?

Für den Gewinn bekam ich 150 000 Euro Lizenzvorauszahlung. Die wird natürlich verrechnet. Steuern gehen ab, das Management bekommt 25 Prozent, dann musst du die Hälfte deines Videos bezahlen. Das schrumpft schon alles ganz schön schnell. Bei Markus waren es nur 10 000 Euro für sechs Monate. Davon mussten Nu Pagadi anteilig die Flüge bezahlen und sich Doppelzimmer teilen. Als „Popstars“-Gewinner! Dabei verdient die Produktionsfirma durch Sendung und Band gut. Nu Pagadi hatten über 50 Auftritte, einen Werbedeal mit McDonalds. Die müssen locker eine Million Euro brutto gemacht haben. Davon haben die Künstler insgesamt nur 100 000 abbekommen. Das ist schon eine Schweinerei.

Wie sehr klaffen Wirklichkeit und Illusion auseinander?

Bei mir überhaupt nicht. Ich hatte immer mein dickes Hotelzimmer. Für mich wurde immer eine Suite gebucht. In Frankfurt bin ich mal zur Rezeption gegangen und habe gesagt, dass mir ein Einzelzimmer reichen würde. Die haben mich ganz komisch angeguckt. Andere haben es tatsächlich schlimmer getroffen. Markus hatte privat kaum Geld in der Tasche, er konnte seinen Eltern nicht mal Weihnachtsgeschenke kaufen.

Wenn bei Dir alles so toll gelaufen ist, warum hast Du das Buch geschrieben?

Während der Show lief alles prima. Erst später ging es bergab. Ich will den Leuten zeigen, wie es auf einmal nach zwei Jahren runter geht und man selber kämpfen muss. Ich will ihnen sagen, dass sie sich nicht auf andere verlassen sollen, sondern so schnell wie möglich selber Kontakte knüpfen müssen

Auf die konntest Du dich doch offenbar auch nicht verlassen.

Nicht auf alle, ja. Das ist wie im richtigen Leben. Von drei, vier Menschen kann man sich auf einen zählen, die anderen nutzen dich aus. Oder labern nur, und dann kommt nichts. Davon erzähle ich auch im Buch.

Gibt es unerwartet ehrliche Leute aus der Branche?

Thomas D. und Smudo von Fanta 4. Das sind wirklich Hammer-Typen. Ganz ehrliche Musiker. Mit Sarah Connor bin ich zum Beispiel nicht klar gekommen. Die lief immer mit Bodyguards rum, wo selbst Stars wie Lionel Richie keine dabei hatten. Da dachte ich: Jetzt hakt es bei der Alten.

Hatten Kollegen Dir gegenüber Vorbehalte, weil Du Castingshow-Gewinner warst?

Erstaunlicherweise nicht. Direkt nach dem Gewinn der Show bekam ich die Einladung von den Fanta 4 zum Konzert. Die fanden mich cool. In der harten Metal-Szene, in der ich mich früher bewegt habe, gab es auch nie Vorurteile. Die gab es bloß bei großen Fachzeitschrift. Oder bei neuen Plattenfirmen.

Ein schlimmes Stempel-Erlebnis hattest Du auf dem Rockfestival in Wacken.

Da wollte ich schon immer mal spielen, ich kannte das Festival als Besucher. Mein Auftritt dort war der schlimmste meines Lebens. Aber auch der erfahrungsreichste. Das Publikum hatte mir geschlossen den Rücken zugedreht und den Mittelfinger gezeigt. Ich zog mein Programm trotzdem durch. Das war schon hart. Im Buch hört sich dieses Erlebnis sehr nach Jammern an, aber im Grunde jammern wir ja auch!

Würdest Du Deinem Nachwuchs später mal erlauben, an einer Castingshow teilzunehmen?

Ja, aber nur, wenn er mit dem Wissen antritt, das ich ihm vermittelt habe. Als Erfahrung ist so eine Show schon interessant. Ich würde sagen: Geh hin, aber nur mit der Erwartung, dass du eine neue Erfahrung machst, aber nicht, dass du reich und berühmt wirst.

Was ist so toll an dieser Erfahrung?

Was ist nicht toll daran, wenn man im Mittelpunkt steht? Ich glaube, das machen viele gerne. Gerade wenn man Künstler ist, dann will man das. Das Schöne ist dieses Gefühl, auf einmal überall begehrt zu sein.

Könntest Du heute wieder auf dem Bau arbeiten, nachdem Du die angenehmen Seiten des Popstar-Lebens kennengelernt hast?

Schwer zu sagen. Ich habe den Job damals wirklich gerne gemacht und nur aufgehört, weil man da kaum was verdient. Grundsätzlich könnte ich es mir vorstellen. Aber dann müsste ich ständig diese Sprüche ertragen von Leuten auf der Straße. Die Blöße willst du dir als Musiker natürlich nicht geben, wenn du einmal oben warst. Wenn alle Stricke reißen, hätte ich jedoch kein Problem damit, mich wieder in den Bagger zu setzen.


Das Gespräch führten Elena Senft und Nana Heymann.

Martin Kesici gewann 2003 die Sat-1-Castingshow „Starsearch“. Seine erste Single „Angel of Berlin“ und das Debütalbum „Em Kay“ schafften es an die Spitze der deutschen Charts. 2005 veröffentlichte er ein zweites Album, seither ist es ruhig um ihn geworden. Mit Markus Grimm, der 2004 die Pro-7-Show „Popstars“ gewann und Mitglied in der knapp ein Jahr lang existierenden Band Nu Pagadi war, hat er das Buch „Sex, Drugs & Castingshows – Die Wahrheit über DSDS, Popstars & Co“ geschrieben (Riva-Verlag, 432 S., 17,90 Euro).

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