Interview : Tom Jones: "Ohne Färben sähe ich aus wie Santa Claus"

Früher schwang er mit Elvis die Hüften, heute steigt er auf den Elliptical-Trainer. Tom Jones über Körperbehaarung, Monogamie und die Schläge seiner Frau.

Sebastian Leber
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Tom Jones, der Tiger.Foto: AFP

Köln, im sechsten Stock des Hyatt-Hotels. Der Tiger sitzt mit dem Rücken zum Fenster, vielleicht mag er das Grau nicht sehen: Der Himmel, der Rhein, der Dom, alles grau. An der rechten Hand trägt er ein goldenes Armband und einen goldenen Ring, am linken Handgelenk die goldene Uhr. Am Hals baumelt eine Kette. Auf dem Tisch zwischen uns stehen 14 Flaschen Staatlich Fachingen. Wir haben 20 Minuten Zeit, in denen nicht über „Sex Bomb“, Tom Jones’ letzten großen Hit, gesprochen werden darf. Der Manager schaut auf die Uhr und wiederholt: Bitte mindestens die Hälfte der Fragen zum Album.



Mr. Jones, auf Ihrer neuen CD singen Sie eine Liebeserklärung an Ihre Frau Melinda: „The Road“. Es klingt aber auch ein bisschen nach Entschuldigung für Ihre vielen Affären.



Things happen. Aber Melinda hat immer zu mir gestanden.

Ist Monogamie überhaupt eine Option für einen Popstar?


Doch, ich denke schon, dass es funktionieren könnte. Theoretisch.

Was geschieht mit den Slips, die Ihnen weibliche Fans bei Konzerten auf die Bühne werfen? Das müssen inzwischen Zehntausende sein.

Ich weiß es nicht. Ob die jemand mit nach Hause nimmt? Darum habe ich mich nie gekümmert.

Was war der härteste Gegenstand, mit dem Melinda nach Ihnen geworfen hat?

Schuhe und Bücher. Aber die größten Schmerzen hatte ich, als sie mir einmal mit der Faust ins Gesicht schlug. Ich musste oft leiden. Und ich hatte es oft verdient.

Schon mal etwas zurückgeworfen?

Nein, das würde ich nie tun. Auch mit Männern schlage ich mich nur, wenn es sein muss.

Wen mussten Sie zuletzt schlagen?

Das war 1971 in den Staaten, an meiner Geburtstagsparty. Irgendein Typ hat mich beleidigt, einen „aufgepumpten Fabrikarbeiter“ genannt. Da musste ich ihn umhauen. Ich glaube sogar, der Kerl war Boxer.

Tom Jones antwortet schnell, aber seine Augen blinzeln müde durch die getönte Brille. Vielleicht der Reisestress? Vergangene Woche Las Vegas, dann Dublin und London, morgen wieder London und dann zwei Tage Frankreich. Am Vorabend zog Tom Jones durch Köln. Die anderen haben Kölsch getrunken, er Champagner.

Sie sind seit mehr als 50 Jahren verheiratet. Das Geheimnis einer langen Ehe?

Sich gegenseitig verstehen. Und miteinander lachen können. Humor wird leider oft unterschätzt.

Die Frau des deutschen Alt-Kanzlers Helmut Schmidt sagt, das Geheimnis einer langen Ehe seien getrennte Schlafzimmer.

Das hängt wahrscheinlich vom Grad des Schnarchens ab. Ganz ehrlich: Bei uns ist das kein Problem, wir schlafen gut nebeneinander.

Der Startenor Rolando Villazón singt unter der Dusche. Und Sie?

Klar, als Kind schon und bis heute. Aber nicht nur mein eigenes Zeug, sondern alle Melodien, die mir gerade in den Sinn kommen.

Sagt Ihre Frau auch mal, dass Sie still sein sollen?

Nicht so direkt. Wenn Melinda genervt ist, schlägt sie vor, dass ich bald endlich auf Tour gehen soll.

Ah, ein Tick: Der Mann schiebt sich schon wieder mit ausgestrecktem Zeigefinger die Brille zurück auf die Nasenwurzel.

Wer hat eigentlich im Oktober das Gerücht in die Welt gesetzt, Sie seien tot?

Ein Typ im Internet, wer genau, haben wir nicht rausbekommen. Jedenfalls haben andere abgeschrieben, und schon verbreitete sich das Gerücht. Ich durfte meinen eigenen Nachruf lesen.

Hat er Ihnen gefallen?

Was soll ich sagen: Der war überaus positiv. Ich kann mich nicht beklagen.

Waren Ihre Freunde geschockt?

Die meisten haben es nicht geglaubt. Aber ich hatte eine Nachricht von meinem Freund und Musikerkollegen Cook E. Jarr auf der Mailbox. Der war völlig aufgelöst: „Wenn Dir etwas zugestoßen ist, möchte ich auch nicht mehr leben.“

Was soll später auf Ihrem Grabstein stehen: Tom Jones oder Ihr bürgerlicher Name, Thomas Woodward?

Darüber habe ich mir Gedanken gemacht: Tom Woodward, beruflich bekannt als Tom Jones.

Müsste nicht auch irgendwo „Tiger“ hin?

Nein.

Welchen toten Popstar vermissen Sie am meisten?

Elvis. Wir waren gute Freunde. Ich habe oft mit ihm rumgehangen. Und ich habe ihn 1968 zu seinem Comeback inspiriert: Er sah mich live im Flamingo Hotel in Vegas, da bekam er wieder Lust.

Warum haben Sie nie ein Duett gesungen?

Wir durften nicht. Damals ging es in der Branche noch ein bisschen anders zu: Wer nicht bei demselben Label unter Vertrag war, durfte keine Duette singen. Aber privat haben wir zusammen Musik gemacht.

Wer von Ihnen war der bessere Tänzer?

Pause. Der Brillen-Tick.

Das kann man so nicht sagen. Unsere Stile waren einfach zu verschieden, Elvis hatte den ausgeprägteren Hüftschwung, dafür saßen meine Hosen enger. Sexy waren wir beide. Und wir haben besser getanzt, als ich es heute tue – ich bin etwas ruhiger geworden.

Ihr Manager sagt, Sie möchten nicht über „Sex Bomb“ sprechen. Warum?

Ich will nicht stehen bleiben und möchte mich weiterentwickeln. Außerdem bin ich 68.

Als Sie „Sex Bomb“ veröffentlicht haben, waren Sie 60 …

Das stimmt, und eigentlich fühle ich mich auch nicht wie fast 70. Ich schaue manchmal in den Spiegel und denke: Der alte Mann dort, das bin nicht ich. Live habe ich „Sex Bomb“ noch im Programm.

Tom Jones hat sich den Pullover bis zum Ellenbogen hochgekrempelt. Auf seinem Unterarm wuchern viele dunkle Haare.

Wie finden es Ihre Enkelkinder, wenn Sie das Lied heute auf der Bühne singen?

Sie finden es ziemlich cool. Das sagen sie jedenfalls.

Der Manager will wissen, ob wir jetzt wieder über das Album sprechen können. Er guckt todernst.

Für „24 Hours“ haben Sie erstmals fast alle Texte selbst geschrieben. Warum erst nach 45 Jahren im Showgeschäft?

Ich war gewissermaßen gezwungen. Meine Plattenfirma hatte mir vorgeschlagen, ein Album mit Coverversionen aufzunehmen. Aber die Lieder gefielen mir nicht. Dann wurden extra neue Songs für mich geschrieben, aber die waren auch nicht besser. Also musste ich selbst ran. Und ich bin froh: So ist das Album sehr persönlich geworden.

Ihre Lieblingszeile aus Ihrer Feder?

Die ist aus „Seasons“: „So I walk on and make my memories“. Erinnerungen sind schön. Noch schöner ist es, zu leben und neue Erinnerungen zu produzieren.

Die Musik auf „24 Hours“ klingt wie aus den Sechzigern, als Sie mit „It’s Not Unusual“ und „Delilah“ ihre ersten großen Hits hatten. Gehört das Album noch zum Sixties-Revival von vor zwei Jahren oder starten Sie gerade ein neues?

Ich wollte schon länger so ein Album machen, das die Melodien und den Schwung von damals wieder aufleben lässt. Aber erst durch „Back to black“ von Amy Winehouse habe ich Mut gefasst, es auch zu tun. Sie hatte damit Erfolg, also wollte ich es auch wagen.

Warum haben Sie Ihre CD „24 Hours“ genannt?

Wir haben lange überlegt, es ist ja nicht einfach, sich einen sinnvollen Albumtitel auszudenken. Am Ende nahmen wir einfach „24 Hours“, weil schließlich auch eines der Lieder so heißt. Wir dachten: Das ist etwas Vorwärtsgerichtetes. Nach 24 Stunden kommen ja die nächsten 24 Stunden, und dann die nächsten. Es geht immer weiter.

Hm. Nervt Sie die Frage, wann Sie sich zur Ruhe setzen?

Überhaupt nicht. Aber die Antwort lautet: Ich mache weiter, solange ich auf zwei Beinen stehen kann. „24 Hours“ wird nicht mein letztes Album sein. Das ist bei jedem richtigen Entertainer so: Das Bühnenleben macht so viel Spaß, dass man nicht freiwillig geht.

Sogar einer wie Robbie Williams hat sich zurückgezogen. Mit dem sind Sie befreundet, Sie sagten einmal, er erinnere Sie an den jungen Tom Jones.

Robbie ist nicht auf ewig weg, er wird sein Comeback schaffen. Ich weiß, dass er bereits wieder Songs schreibt und auch wieder aufnimmt. Dieser Mann mag in einer Krise stecken, aber seine Karriere ist noch lange nicht zu Ende.

Geben Sie ihm manchmal Ratschläge?

In den letzten Wochen nicht. Er wohnt zwar in meiner Nachbarschaft in L.A., wir haben schon zusammen Basketball gespielt. Aber jetzt bin ich viel unterwegs. Ich sollte mal wieder bei ihm an der Haustür klingeln.

Sie beten jeden Abend zu Gott. Wofür sind Sie dankbarer: Ihre Stimme oder den Sexappeal?

Meine Stimme. Ohne die wäre ich nichts. Sexappeal reicht nicht für eine Karriere.

Was ist besser für die Stimme: Tee oder Cognac?

Tee. Nicht, dass ich ein großer Freund von Tee wäre. Aber unter gesundheitlichen Aspekten wäre er vorzuziehen.

Was tun Sie sonst für Ihre Stimmbänder?

Ich meide trockene Luft, wo ich nur kann. Den Rat habe ich von einem deutschen Arzt bekommen, und ich halte mich dran. Ansonsten habe ich von Natur aus Glück mit meiner Stimme. Mit den Jahren wird sie sogar noch tiefer und kräftiger. Im Alter geht ja manches nach unten.

Na ja: Das Einzige, was auf sein biologisches Alter hinweist, sind die tiefen Stirnfalten. Alles andere ist glatt. Es gibt Gerüchte über chirurgische Eingriffe.


Mr. Jones, Sie treiben viel Sport. Sie gehen jeden Tag in den Fitnessraum.

Eine Stunde pro Tag. Ich benutze so einen Elliptical-Trainer, da bewegt man Arme und Beine gleichzeitig, ohne dass die Gelenke beansprucht werden. Ich würde auch gerne joggen, aber nach 30 Minuten tun mir die Knie weh.

Sind Sie eitel?

Durchschnittlich, glaube ich. Aber wenn man oft genug gesagt bekommt, man sei ein Sexsymbol, muss man aufpassen, normal zu bleiben.

War es leicht, zuzugeben, dass Sie sich die Haare färben?

Ohne Färben sähe ich aus wie Santa Claus, das passt nicht auf der Bühne.

Sollten sich Männer die Brusthaare rasieren wie Andre Agassi?

Das kommt auf den Beruf an, den man ausübt.Wenn einer Bodybuilder ist und seine Muskeln mit viel Öl präsentieren will, müssen die Haare ab. Ich habe Glück, dass ich kein Sportler bin.

Der Manager unterbricht zum zweiten Mal. Haben Sie noch Fragen zum Album? Sonst könne man das Gespräch auch abbrechen … Stopp! Ich möchte von Tom Jones so gerne wissen, ob er Toupet tragen würde, wenn es nötig wäre. Ob er den Bart hat, um die Narbe seiner Fettabsaugung zu verdecken. Ob sein Arzt ihn tatsächlich gewarnt hat, jeder weitere chirurgische Eingriff in seinem Gesicht könne irreversible Schäden mit sich bringen. Aber mehr Fragen zum Album? Schnell nachdenken.

Pause. Der Brillen-Tick.

Ähm … Welches ist Ihr Lieblingslied auf dem neuen Album, Mr. Jones?

Ich denke, das ist „Seasons“.

Planen Sie eine Deutschlandtour?

Auf jeden Fall. Nur steht noch nicht fest, wie groß die Hallen sein werden. Da müssen wir erst den Erfolg des Albums abwarten.

Auf welchen Titel sind Sie stolzer: „Tiger“ oder „Sir“?

Definitiv „Sir“. Ich war ziemlich nervös, als mich Queen Elisabeth zum Ritter geschlagen hat. Seitdem haben wir uns mehrmals gesehen. Sie fragt mich immer, ob ich denn noch in Amerika lebe.

Sie sind in den Siebzigern aus Ihrer Heimat Wales in die USA geflohen, weil Ihnen zu Hause die Einkommenssteuer zu hoch war. Sie sagten damals, sie wollten nicht 98 Prozent Ihres Einkommens abgeben. Was müsste passieren, damit Sie nach Wales zurückkehren?

Am Geld liegt es nicht mehr. Die Einkommenssteuer ist in beiden Ländern inzwischen ziemlich gleich, nämlich 50 Prozent. Aber das Leben in Kalifornien ist bequem. Und sonniger.

Haben Sie mal daran gedacht, ein Lied auf Walisisch aufzunehmen?

Ich spreche es kaum. Ich hatte es zwar in der Schule, aber das ist lange her. Ich denke und träume in Englisch, also singe ich auf Englisch.

Sie sind in Pontypridd aufgewachsen, einer Kleinstadt 25 Kilometer nördlich von Cardiff. Die drei großen Musiker aus Ihrer Heimatstadt: Tom Jones, der Gitarrist von Motörhead und der Ex-Drummer von AC/DC. Was ist so inspirierend dort?

Wales ist ein Land des Songs. Besonders des Singens, denn dafür brauchst Du kein Instrument.

Die Tür geht auf, ein Mann von der Plattenfirma guckt durch die Tür. Letzte Frage.

Mr. Jones, warum halten Sie so viele junge Menschen für einen coolen Typen?

Ich versuche nicht, jemand anderes zu sein. Ich glaube, junge Menschen erkennen Fakes schnell.

Gibt es denn so viele Fakes im Showgeschäft?

Ich war einmal mit Jane Fonda in einer Talkshow, vorher saßen wir Backstage, und sie war sehr nervös. Ich sagte: „Was bist Du so unruhig? Du kennst doch das Showgeschäft viel länger als ich.“ Und sie antwortete: „Ja schon, aber du bist Tom Jones. Du musst keine Rolle spielen und Angst haben, dass du auffliegst.“

Das Gespräch führte Sebastian Leber.

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