Interview : Warum Pop eine Monarchie ist

Die digitale Revolution bringt die Musikindustrie ins Wanken. Doch die alten Stars sitzen noch auf ihrem Thron. Ein Gespräch über die Pop-Monarchie mit Tim Renner und Maurice Summen.

Renner
Tim Renner, 43, früher Universal, jetzt Motor.Foto: Thilo Rückeis

Herr Renner, Herr Summen, wann haben Sie zum letzten Mal einen Song aus dem Internet heruntergeladen?


RENNER: Gestern. Da habe ich für meine Teenager-Tochter einen Song von Mia runtergeladen, den sie unbedingt haben wollte.

SUMMEN: Bei mir ist das etwa drei Wochen her. Da musste ich die neue Single von Stereolab haben. Das war ein legaler Gratisdownlad. Ich höre viele MP3s auf den Websites von Bands, aber kaufen tu ich nur Alben auf Vinyl, gelegentlich auch auf CD. MP3s kaufe ich nie, ich habe auch keinen iPod. Mit der MP3-Komprimierung habe ich ein grundsätzliches Problem. Als Musiker höre ich sofort den klanglichen Unterschied. Es gefällt mir nicht, dass der Sound durch die Komprimierung gleichförmig wird. Mir fehlt einfach da einfach etwas.

RENNER: Ich hab natürlich einen iPod, meine Töchter und meine Frau auch. Es gibt also bei uns in der Familie Downloads. Aber Sachen, die ich wirklich mag, kaufe ich mir auf Vinyl. Am besten finde ich es, wenn die Labels dann noch einen Download-Code beilegen, so dass man sich die Musik auch noch mal als MP3 aus dem Netz holen kann. CDs kaufe ich eigentlich gar nicht mehr, höchstens als Geschenk. Vinyl oder Download, das sind für mich die Alternativen.

Der Trend geht zum Download, das zeigen die Verkaufszahlen. Gleichzeitig gibt es immer mehr Hörer, die nicht bereit sind, für Musik zu bezahlen und sich die Songs illegal herunterladen. Fühlt man sich als Musiker da nicht um den Lohn seiner Arbeit gebracht?

SUMMEN: Ich kenne die Zeit nicht mehr, in der Bands so viele Platten verkauft haben, dass es nach dem Break Even, also nachdem alle Kosten wieder eingespielt waren, noch zu riesigen Ausschüttungen kam. So etwas haben wir bei den Türen leider nie erlebt. Bei uns gab es höchstens Vorschüsse, die wir in die Plattenproduktion gesteckt haben.

Noch vor zehn Jahren sah das anders aus: Auch mittelgroße Indie-Bands wie die Sterne konnten von ihrer Plattenverkäufen leben. Empfinden Sie so etwas wie die Ungade der späteren Geburt?

SUMMEN: Ja, klar. Aber ich weiß auch von großen Bands wie Tocotronic, dass selbst bei denen die Zahlen stagnieren. Da gibt es dann eine Fanbase, die mit der Band gewachsen ist, die alle Alben besitzt und dann das jeweils neue Album auch kauft. Neue Fans scheinen aber nicht dazuzukommen, sonst würden die Zahlen ja steigen.

RENNER: Wir haben seit 1999 einen abfallenden Mark, was in erster Linie ein Absterben des Mittelstandes bedeutet. Durch die Digitalisierung entsteht sozusagen eine präindustrielle Gesellschaftsform: Es gibt ganz viele ganz unten und wenige ganz oben. Die, die unten sind, können gerade so überleben und denen oben geht es nach wie vor prächtig. Zerquetscht wurden alle, die dazwischen stehen. Das sind zum Beispiel Bands wie die Sterne, die zwischen 20000 und 80000 Alben verkauft haben. Die Plattenverkäufe waren ein wichtiger Bestandteil ihrer Einnahmen. Bei den ganz Großen, wie etwa Rammstein, machten die Albumverkäufe schon in guten Zeiten nur etwa ein Viertel der Einnahmen aus. Der Rest kam aus Live-Auftritten und Merchandising. Für solche Bands ist es dann auch nicht so schlimm, wenn ihre Musik umsonst verfügbar ist. Denn das erweitert den Fankreis, wodurch noch mehr Leute zu den Konzerten kommen und Merchandising-Artikel kaufen. Für die kleinen Bands, die ohnehin kein Geld für eine Plattenproduktion haben, sind illegale Downloads ebenfalls nicht so schlimm. Schließlich werden sie so bekannter, bekommen vielleicht sogar die eine oder andere Auftrittsmöglichkeit. Aber alle im Mittelfeld leiden.

Die heutigen Stars sind aber fast ausschließlich Bands, die im alten System groß geworden sind.

RENNER: Ja, es ist wenig nachgekommen. Das ist das Problem. Wenn jetzt ein Künstler auf einem Label wie Motor anfängt, braucht er dringend jemanden, der ihn während der undankbaren Zwischenstrecke trägt. Das sieht man zum Beispiel bei einer Band wie Polarkreis 18. Da freuen wir uns natürlich, dass das so gut losging mit denen, aber sie jetzt von einem Level von 10000 bis 20000 verkauften Platten auf das nächste - also so 80000 - zu heben, dazu fehlen uns einfach die Mitteln. Das geht allerdings auch immer mehr Major-Firmen so.

Element of Crime haben den kommerziellen Durchbruch erst mit ihrem sechsten Album geschafft. So viel Zeit lässt heute keine Plattenfirma mehr einer Band.

RENNER: Da sind wir schon bei einem Bestandteil der Krise, die ja nicht nur ein verpasster Formatwechsel vom Album mit zwölf Songs zum legalen Download ist. Die Musikwirtschaft ist durch den Erfolg der CD in die Logik der Finanzmärkte gekommen. Häufig sind die Unternehmen börsennotiert und es zählen die Quartalsergebnisse. Für Bands in der Größe von Element of Crime ist da schlichtweg keine Zeit mehr. Damals war das Engagement für die Band vertretbar, denn es wurde nicht viel für Marketing ausgegeben. Auch wenn John Cale die zweite Platte produziert hat, war das noch eine sehr günstige Produktion. Die hat 20 000 Mark gekostet, plus John Cale, der ungefähr nochmal soviel bekommen hat. Wenn du dann davon 15 000 Stück verkauft hast, ging das schon. Mit leichten Verlusten konnte man sich so durchwurschteln über mehrere Platten. Heute wäre die Manpower gar nicht gegeben, um sich so lange mit einer Band zu beschäftigen. Der Druck wäre viel zu groß, dass das Geld wieder reinkommt und das Risiko zu groß, so viel Geld zu binden. Allerdings entsteht so auch kein Katalog mehr, der ja das Kapital jeder großen Plattenfirma ist.

Herr Renner, in Ihrem gerade neu aufgelegten Buch „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ schreiben Sie, dass die großen Plattenfirmen schlichtweg überflüssig sind, wenn sie ihr Geschäftsmodell nicht grundlegend ändern. Was muss sich ändern?

RENNER: Eine Entwicklung von Musik kann nur über Zeit passieren. Das heißt: Wenn du nicht die Nerven und das Möglichkeiten hast, mit einer Band für drei Alben - sprich etwa fünf Jahre - zusammenzuarbeiten, fang gar nicht erst an. Dabei ist heutzutage eigentlich egal, wer du bist. Du kannst Konzertveranstalter sein, ein Management oder eben eine Plattenfirma. Das Gute daran ist, dass eine Band ganz am Anfang noch niemanden braucht, weil man für ein Album nicht mehr 20000 Mark benötigt, sondern es auch schon für 2000 Euro hinbekommt.

Wie viel hat das letzte Album der Türen gekostet?

SUMMEN: Etwa 3000 Euro. Wobei wir uns fast alles im Freundes- und Bekanntenzeit zusammengeschnorrt haben. Man nutzt ungebuchte Zeiten in Studios und bittet Freunde zum Sondertarif zu arbeiten. Unser Grafiker zum Beispiel arbeitet sonst für BMW und ähnliche Firmen. Er kann es sich dann leisten, zwei Wochen am Artwork unserer Platte zu feilen.
Herr Renner, die neu aufgestellte Musikindustrie beschreiben Sie als eine Art Mischung aus Label, Managment und Konzertveranstalter. Etwas Ähnliches wird ja derzeit unter der Überschrift 360-Grad-Vertrag schon von einigen Plattenfirmen praktiziert. Dabei gibt ein Künstler alle seine Rechte an eine Firma ab. Können Sie verstehen, dass sich manche Bands versklavt vorkommen?

RENNER: Ich verstehe das absolut. Das meine ich in meinem Buch auch gar nicht. Natürlich sind die Musiker skeptisch, wenn sie doppelt zahlen sollen. Einerseits für ein Managment und dann noch mal für ein Label, das überall mitverdient. Sie kriegen nicht mehr Investitionen in ihre Marke als vorher und gleichzeitig weniger Einnahmen. Das ist aus der Künstlerperspektive natürlich doof. Was ich in meinem Buch beschreibe, geht in Richtung "Cutting out the middle man". Die Funktionen von Vermittlern zwischen Band und Label, Band und Vertrieb, Band und Verlag werden überflüssig. Du brauchst als Band einen Vertrauten, der dir alles komplett macht. Letztlich ist es völlig egal, welcher Partner aus deiner Wertschöpfungskette das ist.

SUMMEN: Es ist letztlich nur noch eine Frage von Investitionen. Im Fußball kann man das an einem Club wie Hoffenheim sehen. Das kann man auch auf die Musikindustrie übertragen. Wenn sich jetzt ein Unternehmer in den Kopf setzt, in einen Künstler zu investieren, und ihn in fünf Jahren ganz nach oben zu bringen, hat er gute Chancen. Der ganze Fertigungs- und Vertriebsprozess fällt ja quasi weg. Es geht vor allem darum, mediale Präsenz herzustellen. Wenn er sich die richtigen Promoter herauspickt, kann das schon klappen.

RENNER: Nicht die Jobs der Musikindustrie sind obsolet, sondern die Organisationsform, in der sie derzeit noch mehrheitlich stattfindet. Diese wenigen, monolithischen Gebilde sind nicht mehr marktgerecht. Sie entsprechen auch nicht mehr den Bedürfnissen der großen Bands. Ich verstehe große Bands nicht, die noch bei traditionellen Firmen unter Vertrag sind und sich nicht selbst ein Management-Team zusammenstellen.

SUMMEN: So machen es zum Beispiel Die Ärzte. Sie haben alles in ihren alten Freundeskreis ausgelagert.

Müssen junge Bands, die künftig nach oben kommen wollen, nebenher noch BWL studieren?

SUMMEN: Nein. Es geht doch eher um eine gewisse Medienkompetenz. Und mit Portalen wie Myspace oder Facebook können junge Musiker inzwischen doch allesamt umgehen.

RENNER: Die Situation für Musiker hat sich verbessert. Früher brauchten sie einen Manager, der ihnen die riesigen Konzerne transparent machte und sie auch schützte. Dadurch hatten sie aber noch längst keinen Vertrag. Heute können die Bands viel unabhängiger agieren. Man kommt viel leichter rein.

SUMMEN: Es wird dabei aber niemals gerechter. Pop funkioniert nun mal nach dem Prinzip einer Monarchie. Einige Sachen werden ganz oben hingestellt und es wird behauptet: Das ist das Beste, das hat den tollsten Style. Zu dieser Spitze richten sich alle Blicke. Und das ist immer noch so. Wir erleben zwar gerade eine anarchistische Phase des Übergangs. Aber das wird nicht lange so gehen. Wenn Fernsehen, Internet und Radio zu einem großen Mediengebilde morphen, dann haben wir ganz schnell wieder die Mächtigen, die die Programme bestimmen.

Ist dafür nicht die Zersplitterung der Angebote schon zu weit fortgeschritten?

SUMMEN: Nein, wieso sollte es zum ersten Mal in der Geschichte so sein, dass sich ein neues Medium nicht mit den marktwirtschaftlichen Mechanismen auseinandersetzen?

RENNER: Weil das Internet eine Anarchie zulässt. Außerdem ist es ein Kanal, der jedem ermöglich, alle Inhalte zu versenden oder zu empfangen. Welche Inhalte das sind, ist nur eine Frage des Durchschnittsalters der Usergruppe, der Menge der Daten, der Höhe der Kompression und der Breitbandigkeit der Kabel. Aber früher oder später kommt jeder dran.

SUMMEN: Wenn es ums Geldverdienen geht, kommen immer Marktmechanismen zum Zuge und die zeichnen sich auch längst im Netz ab. Das sieht man zum Beispiel an der Mediapower bestimmter Kanäle wie Spiegel-online. Jeder Promoter weiß, was es bedeutet dort eine gute Rezension zu haben. Die Erfolge sind direkt messbar. Es gibt Plattformen, die sind genauso gut gemacht, aber das bekommt nur eine sehr kleine Community mit, weil da eben nicht die Mediapower eines Spiegel dahinter steht. Mit Geld kann man immer noch Stars machen. Natürlich gibt es die Fälle, in denen ein witziges You-Tube-Filmchen per Schneeball-Effekt zum Erfolg wurde. Aber das sind Ausnahmen.

RENNER: Das sehe ich auch so. Das Internet erfindet die Welt nicht neu, sondern transferiert einen Teil der bestehenden Welt in neue Kanäle. Dabei wird das Angebot ungeheuer pluralisiert. Dabei bleiben die Großen immer die Großen und für die vielen kleinen und mittleren Anbieter wird es schwieriger.

Der Übergang in die digitale Welt wird nicht von allen freudig begrüßt. So gab es kürzlich einen Offenen Brief an Angela Merkel, der sie in ganzseitigen Zeitungsanzeigen aufforderte, mehr für den Schutz des Urheberrechtes zu tun. Unterschrieben haben Musikmanager und Künstler wie 2raumwohnung, Herbert Grönemeyer, Seeed und Rosenstolz. Warum waren Sie nicht dabei, Herr Renner?

RENNER: Weil ich gar nicht gefragt wurde. Ich habe auch Künstlern davon abgeraten, zu unterschreiben, weil ich nicht davon überzeugt bin, dass das der richtige Weg ist. Die Aktion referiert stark auf ein Gesetz, das Nicolas Sarkozy in Frankreich durchgeboxt hat. Wenn Internet-Nutzer dort etwas illegal herunterladen, muss ihr Provider sie abmahnen und beim dritten Mal den Account sperren. Das geht schon stark in Richtung Entzug von Bürgerrechten und Exkommunikation. Die ganze Sichtweise finde ich falsch: Wer Geschäfte machen will, sollte sich nicht in erster Linie auf die Verhinderung von Diebstählen fokussieren, sondern darauf, sein Angebot so attraktiv wie möglich zu machen.

Obwohl die Plattenfirmen sich in der Krise befinden und viel vom Ende des Albums die Rede ist, werden derzeit sehr, sehr viele Alben veröffentlicht. Ist das eine letzte Scheinblüte, wie bei einem todkranken Baum, der im Winter noch einmal austreibt?

RENNER: Das ist eine logische Entwicklung. Wenn die Produktionskosten pro Album sinken und die Distribution einfacher wird, entsteht ein größeres Angebot. Dazu kommen die Überlebensbemühungen der mittelgroßen Bands. Sie versuchen, durch neue Alben noch einmal einen Vorschuss zu bekommen oder einen Anlass für eine Tour zu schaffen, die auch wieder Geld bringt.

SUMMEN: Das Albumformat generiert für einen gewissen Zeitraum eine große Medienpräsenz, die sich hoffentlich in Verkaufszahlen und vollen Konzerthallen niederschlägt. Das ist ein eingespielter Mechanismus, der leider auch kaum durchbrochen wird. Ohne einen Anlass wie ein Album ist es schwer, für Konzerte gebucht zu werden.

RENNER: Aber auch da ist derzeit einiges in Bewegung. Früher brauchte man immer diesen medialen Aufschlag, weil sonst niemand mitbekam, dass eine Band auf Tour ist. Das kannst du aber aushebeln, indem du deine direkten Kontakte stärker pflegst, zum Beispiel durch e-mail-Verteiler oder durch Konzert-Gästebücher.

Das Gespräch führten Nadine Lange und Christian Schröder.

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