IRM : Neues Album von Charlotte Gainsbourg erschienen

Charlotte Gainsbourgs zweites Album „IRM“ ist ein charmantes verstolpertes Folkwerk.

Kai Müller

Als sie bei einem Wasserskiausflug stürzte, dachte sie sich nichts dabei. Ernst wurde es einige Wochen später. Die Kopfschmerzen waren nie ganz weggegangen. Im September 2007 wurde Charlotte Gainsbourg mit einer Gehirnblutung in ein Pariser Krankenhaus eingeliefert und operiert. Das Geräusch des Kernspintomografen hat sich der 38-Jährigen eingebrannt. Es ist ein eigentümlich kreischendes Tönen, das bei der Erzeugung der Magnetfelder entsteht und auch auf Charlotte Gainsbourgs zweitem Album „IRM“ zu hören ist – benannt nach der Maschine.

„Take a picture, what’s inside/ Ghost imaging my mind“, berichtet die Sängerin im Titelsong von der gespenstischen Durchleuchtung. Auf welches Geheimnis wird der Tomograf in mir stoßen?, scheint Charlotte Gainsbourg zu fragen, während Pling- und Gong-Signale im Hintergrund vom hochtechnisierten Apparat zeugen. Dazu stolpert ein ruppiger, tribalistischer Beat durch Gänge, Geisterchöre branden auf und erhöhen so die unheilvolle Atmosphäre. „She’s fighting“, heißt es im programmatischen Song „Heaven Can Wait“.

Als Spross der französischen Kulturdynastie Serge Gainsbourg/Jane Birkin ist Charlotte beinahe dazu verdammt, nicht nur Schauspielerin zu sein, wie die Mutter, sondern auch dem Vater in die Musik zu folgen. In „Lemon Incest“, ihrem ersten schauderhaften Beitrag, wälzte sie sich mit Vater Serge, dem Chansongott, im Bett, während er von der Liebe schwärmte, die er mit seiner Tochter niemals teilen dürfe. Ein Skandal, aber auch ein früher Beleg für das nicht eben ausgeprägte musikalische Talent des knabenhaften Mädchens. So dauerte es lange, bis sie vor drei Jahren ihr Solodebüt „5.55“ herausbrachte. Bei dem von Air produzierten und Neil Hannon und Jarvis Cocker betexteten Album ging es um fliehende Gedanken, das Rasen im Kopf. Für „IRM“ stand ihr mit Beck Hansen ein eklektischer Alleskönner zur Seite, der das Album praktisch eigenhändig einspielte und an den Texten mitwirkte.

Das Resultat ist ein charmantes verstolpertes Folkwerk. Zupackender, als es ein Chanson sein könnte, und mit viel Geschmack für cineastische Streicher arrangiert. Zuweilen schleicht sich der süßliche Säuselgesang einer Französin ein, die es eben nicht lassen kann, französisch klingen zu wollen. Kai Müller

Charlotte Gainsbourg, „IRM“, ist bei Warner erschienen.

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