James Taylor : Heimat ist, wo das Herz hin will

"You’ve got a friend" war James Taylors größter Hit. Jetzt legt er ein zeitlos schönes Live-Album mit dem Titel "One Man Band" vor.

Bernhard Schulz
Taylor
Der erste Singer-Songwriter. Taylor spielt in Boston vor Anpfiff eines Football-Spiels. -Foto: picture-Alliance/dpa

Von einem „Gefühl für den Ort“ schwärmt der Mann, einem „Ort namens Zuhause“. Das schöne Wort „Heimatgefühl“ trifft’s am besten, was James Taylor meint, wenn er über die sanften, grünen Hügel der Berkshires im westlichen Massachusetts streift. Und Heimatgefühl ist, was in vielen seiner Songs mitschwingt, nicht im Sinne der naiven Lobpreisung der Scholle – tatsächlich wuchs Taylor in North Carolina auf –, sondern im Sinne jenes Zuhauses, nach dem ein seiner selbst schmerzlich bewusstes Ich stets auf der Suche ist.

Genau diese gewissermaßen angenommene Heimat bieten die Berkshires, dieser Hügelzug wie aus dem Märchenbuch. Pittsfield heißt ihr Zentrum, und hier, im nach jahrzehntelangem Verfall vor drei Jahren erst renovierten Colonial Theatre, gab James Taylor im vergangenen Hochsommer drei Konzerte, aus denen seine jüngste CD samt noch etwas umfangreicherer DVD hervorging. „One Man Band“ zieht die Summe aus einer genau 40-jährigen Karriere als SingerSongwriter, wobei dieser Begriff überhaupt erst mit seiner Person in die Alltagssprache fand. Fünf Grammys und alle persönlichen Ehrungen, die es im Rock Business gibt, markieren seinen Ausnahmestatus.

Die neue CD ist ein Livemitschnitt, dem man nirgendwo einen Unterschied zu den beiden Studioalben anhört, mit denen er – nach der bescheidenen Resonanz auf seinen Erstling vom Dezember 1969 – kometenhaft zu Ruhm und Anhängerschaft gelangte, „Sweet Baby James“ von 1970 und „Mud Slide Slim And The Blue Horizon“ vom Jahr darauf. „Time Magazine“ widmete ihm 1971 eine Titelgeschichte und wies ihm die Rolle als Anführer einer neuen Phase der Rockmusik zu, unter dem Titel „Bittersüß und gedämpft“. So lange also dauert die Reise in die Heimat des eigenen Ich bereits an.

Im März feiert der schlanke, großgewachsene und nur seiner einstigen Haarpracht längst verlustig gegangene Taylor seinen 60. Geburtstag – und hat doch genau die Stimme von damals, einen weichen, einschmeichelnden Bariton, artikuliert und präzise. Nie mochte man sich einen anderen Interpreten für Klassiker wie das stark autobiografische „Fire And Rain“, aber auch „Sweet Baby James“ – einmal zum „süßesten aller Schlaflieder“ gekürt – oder „You Can Close Your Eyes“ bis „Carolina In My Mind“ vorstellen.

Sie alle sind auf der neuen Platte versammelt, und sie klingen gesanglich frisch wie einst, während Taylors schon immer exzellentes Gitarrenspiel noch feiner geworden zu sein scheint, natürlich an der Acoustic Guitar, während Ausflüge mit der Elektrogitarre Ausflüge bleiben. Zudem steht mit Larry Goldings an den Tasten von Piano oder Synthesizer ein kongenialer Begleitmusiker zur Verfügung. Der einzige: Denn der Spaß mit der Schlagzeugmaschine, dem sich der glänzend fotografierte, bisweilen jedoch – trotz Mitwirkung des renommierten Regisseurs Sydney Pollack – dramaturgisch etwas länglich geratene Film hingibt, ist musikalisch eine Niete.

19 Songs versammelt die CD, 17 von der Hand des Meisters selbst, einer vom Jazzpianisten Goldings – und der andere ist natürlich das wundervolle „You’ve Got A Friend“, das zwar von Carole King geschrieben, von James Taylor jedoch zum Welthit gemacht wurde, zur eindringlichen Botschaft an die arg verunsicherte Jugend um 1970. Zu vermissen wäre allenfalls „Knocking ’Round The Zoo“, wo Taylor seine Erlebnisse in einer psychiatrischen Anstalt anspricht.

Taylor litt unter den Drogen, die die Rockstars der späten sechziger Jahre verherrlichten („Purple Haze“, um nur eine Ehrung von Dutzenden zu nennen). Und er verkörpert – und das erstaunlicherweise bis heute sehr authentisch – den Jungen mit unzerstörbar gutem Kern, der durch die Hölle der Scheinwelt New Yorks gegangen ist, um in der schlichten Schönheit des Alltags sein Zuhause zu finden: „Now the first of December was covered with snow/And so was the turnpike from Stockbridge to Boston/Lord, the Berkshires seemed dream-like on account of that frosting/With ten miles behind me and tenthousand more to go-o-ooo“, heißt es in „Sweet Baby James“, und dass die 775 Zuhörer im hinreißend heimeligen Colonial Theatre von Pittsfield laut jubeln, versteht sich von selbst. They’ve got a friend.

Taylor könne „eine Arena zum Wohnzimmer machen“, hieß es damals in der cover story von „Time“. Da hatte Taylor bereits Erfolge im gewöhnlich auf Klassik ausgerichteten Lincoln Centre von New York hinter und eine ausverkaufte Tour durch 27 amerikanische Städte vor sich. Taylor ist nicht mehr viel besser, vor allem nicht anders geworden als in seinen frühen Alben. Er ist aber umgekehrt nicht schlechter geworden, sondern weiß sein Material wie taufrisch zu präsentieren.Dessen musikalischer Bogen spannt sich von Countryrock bis Hillbilly, von düsterer Ballade bis zu fröhlichem Rock’n’Roll, auch wenn der „Steamroller Blues“ hier ein wenig zu sehr ausgewalzt wird.

„Hochsommer in den lieben, lieblichen Hügeln der Berkshires“, beginnt die DVD mit der Off-Stimme Taylors, „es ist eine Zeit für Musik. Tanglewood ist hier, die Sommerfrische der Bostoner Symphoniker.“ Ja, Tanglewood ist um die Ecke von Pittsfield, wo das Boston Symphony Orchestra jeden Sommer vor allabendlich 10 000 picknickenden Bildungsbürgern spielt, es ist die Vollendung all dessen, wofür diese gesegnete Landschaft steht, für intakte Natur, für Kultur und kultivierte Menschen, für ein Leben, wie es dem Spross aus wohlhabendem Akademikerhause James Taylor nicht ganz in die Wiege gelegt, wohl aber an der Wiege gesungen wurde. Hier ist diese Musik zu Hause, hier sind es diejenigen, die dem Schmelz der Taylorschen Töne erlegen sind, ein für allemal.

„One Man Band“ ist bei Universal erschienen.

James Taylor wurde am 12. März 1948 in Belmont geboren. Sein Vater war Dekan der medizinischen Fakultät in North Carolina. Die Sommer verbrachte die Familie auf Martha’s Vineyard. Als Jugendlicher litt Taylor an Depressionen. Er startete seine Karriere Mitte der sechziger Jahre. Seine „Greatest Hits“ von 1976 verkauften sich elf Millionen Mal.

Anfang der Achtziger zog sich Taylor vom Showbusiness zurück und trat danach nur noch vereinzelt mit neuen Platten in Erscheinung. Seine anhaltenden Drogenprobleme bekam er 1985 in den Griff. Zuletzt trat er in der TV-Serie „Westwing“ auf und schloss sich der Vote for Change-Kampagne an.

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