Jay-Z : Schmerz vor Profit

Größer als Elvis: das neue Album des Hip-Hop-Superstars Jay-Z. Seine vornehmlichste Aufgabe inzwischen jedoch ist es, nachdem er vor drei Jahren mit dem Album „Kingdom Come“ gewissermaßen einen Rücktritt von seinem 2003 mit viel Aplomb erklärten Rücktritt vorgenommen hatte, einen Superstar-Status mit den Essentials des Hip-Hop zu versöhnen.

Gerrit Bartels
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Zurück. Jay-Z letzte Woche bei den MTV-Awards. -Foto: getty

Bescheidenheit und Leisetreterei gehörten noch nie zu den hervorstechendsten Eigenschaften von Hip-Hop-Künstlern. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass selbst ein Jay-Z auf seinem neuen Album „Blueprint 3“ explizit auf seine Leistungen als Rapper, Produzent, Superstar und Hip-Hop-Gottvater verweist: „Please don’t bow in my presence/How am I a legend?/I just got ten number one albums, maybe now eleven“, rappt er im zweiten Stück des Albums, „Thank You“, wohlwissend, wie schmal der Grat zwischen Selbstironie und Größenwahn ist.

Tatsächlich ist „Blueprint 3“ mit Erscheinen in der letzten Woche Jay-Zs elftes Nummer-eins-Album in den USA geworden, fast 600 000 Exemplare wurden in der ersten Woche davon verkauft. Damit soll er, wie rührige Pop-Statistiker herausgefunden haben, Elvis in der ewigen Bestenliste abgelöst haben: Nur die Beatles liegen mit mehr Nummer-Eins-Alben noch vor ihm. Man könnte also genauso sagen: Jay-Z ist inzwischen größer als ein Michael Jackson zu seinen besten Zeiten. Und Hip–Hop ist die Popmusik, die die USA regiert. Nicht zuletzt, weil Barack Obama ein Fan von Jay-Z ist und selbst Zwischenfälle aus der Pop- und Hip-Hop-Welt meint kommentieren zu müssen, so wie Kanye Wests gutgemeinten, aber rüpelhaften Einsatz für Jay-Zs Ehefrau Beyoncé neulich bei den MTV-Awards („Kanye West is a jackass“, so Obama).

Es gehört nun wiederum zu den herausragendsten Eigenschaften von Hip–Hop, dass hier Leben und Kunst nur schwer auseinanderzuhalten sind. Das Leben auf der Straße, die Chancenlosigkeit vieler Schwarzer finden sich eins zu eins in den Dichtungen vieler Rapper wieder und sind wesentlicher Bestandteil der meisten Hip-Hop-Alben – genauso wie im Erfolgsfall das Leben im Showbusiness, mit all seinen Vorzügen und Fallstricken.

Jay-Z leidet nun schon lange keine Not mehr. Seine große Kunst auf Alben wie dem ersten „Blueprint“-Album oder dem „Black Album“ bestand immer darin, wie kein Zweiter die Urgeschichte des Hip–Hop erzählen zu können, den Aufstieg vom Gelegenheitsspieler und Straßendealer (der er früher war) zum Multi-Millionär (der er seit einigen Jahren ist) und Unternehmenschef (der er bis Ende letzten Jahres als Boss des legendären Def-Jam-Labels dann auch war).

Seine vornehmlichste Aufgabe inzwischen jedoch ist es, nachdem er vor drei Jahren mit dem Album „Kingdom Come“ gewissermaßen einen Rücktritt von seinem 2003 mit viel Aplomb erklärten Rücktritt vorgenommen hatte, einen Superstar-Status mit den Essentials des Hip-Hop zu versöhnen. Das heißt auf „Blueprint 3“: den Mainstream genauso zu bedienen wie das ehemals Wilde, Unbehauene des Hip–Hop, den Sturm und Drang von einst wieder mehr zur Geltung zu bringen, mithin die Puristen zufriedenzustellen. Also fragt Jay-Z gleich im ersten Track des Albums: „Are we talkin’ about real shit?/ Or we talkin’ about rhymes?/ What we talkin’ about (...) I ain’t talkin’ about profit/I’m talkin’ about pain.“ Das hat natürlich etwas Wohlfeiles, das „Reale“ gehört mittlerweile zur Folklore jedes Casting-Show-Rappers; Reime wie diese finden sich aber auf Jay-Zs Album doch in so einigen rumpeligen, recht rohen Tracks, von denen besonders „D.O.A (Death Of Autotune)“ herausragt, das von schleppenden Drums, schweren Gitarrenriffs und einer schön schräg quietschenden Flöte dominiert wird. „Death Of Autotune“ ist Jay-Zs Absage an einen modischen Soundeffekt, der vor allem den Gesang beeinflusst, glatter macht, und von immer mehr R&B-Künstlern verwandt wird. Gerade von solchen, die nicht mit einer begnadeten Stimme ausgestattet sind, wie etwa Kanye West, der auf seinem letzten Album seine Raps ausnahmslos durch Autotune filtern ließ.

Jay-Z hat diesen Effekt nicht nötig, dafür ist sein Stimmorgan zu originell, auf eine merkwürdige Weise immer leicht am Rand der Verzweiflung und des Zusammenbruchs. Und dafür sind seine Reime viel zu schön im Fluss. Kanye West, der mehrere Tracks auf „Blueprint 3“ produziert hat (und seinerseits für das legendäre erste „Blueprint“-Album von 2001 zuständig war), ist dann aber gleich im folgenden Stück dabei, im Duett mit Jay-Zs einstiger Entdeckung Rihanna, und führt so die große Gästeriege an, die Jay-Z versammelt hat. Sie besteht aus Mainstream-Hip–Hop-Acts wie aus jungen Nachwuchsleuten, aus Pharell und Alicia Keys genauso wie weitgehend unbekannten Rappern wie J. Cole, Drake oder Kid Cudi, wobei die Tracks mit letzteren im Übrigen die besseren, zwingenderen sind.

Dass Jay-Z zudem vor ungewohnten Kollaborationen nie zurückschreckt, hat er ja immer wieder bewiesen, mit Linkin Park oder Coldplay etwa, weshalb auch Luke Steele von den australischen Achtziger-Pop-Epigonen Empire Of The Sun als Gastsänger des Eröffnungsstücks keine große Überraschung darstellt.

Steele gibt dem Stück mit seinem sanften, gut zu Jay-Z passenden Gothic-Timbre eine besondere Note – und verweist vermutlich unfreiwillig auf den Absturz am Schluss des Albums, auf Jay-Zs Interpretation von Alphavilles „Forever Young“, die dem Original trotz Raps und einer im Hintergrund zischelnden Snare an Schmalz und Klebrigkeit kaum nachsteht. Aber wer, wenn nicht Jay-Z, sollte sich so eine Peinlichkeit leisten können?

„Blueprint 3“ von Jay-Z ist bei RocNation/ Universal erschienen

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