Jazz : Pat Metheny und die süßen Seufzer der Mechanik

Zwischen Mensch und Maschine: Pat Methenys "Orchestrion"-Projekt. Eine Begegnung mit dem legendären Jazzgitarristen.

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Allein unter Apparaten. Pat Metheny in seinem von Robotergliedmaßen bewegten Instrumentenpark. -Foto: Katz/Nonesuch Records

Am liebsten würde er einen mit seiner Begeisterung einfach anstecken. Abenteuerliche Idee, sollte man also schwärmen. Das Album wie aus einem Guss! Der Bogen zwischen fragilen Sehnsuchtsmelodien, jazzrockiger Muskelpracht, virtuos vor sich hin perlenden Gitarrensoli und elegant schaukelnden Schachtelrhythmen weit gespannt! Aber Pat Metheny weiß auch, dass sein „Orchestrion“-Projekt mehr Gedankenstoff enthält als alles, was er je zuvor in seinem Leben in Angriff genommen hat. „Ich habe jetzt“, erklärt er, noch kaum dem Studio entronnen, bei einem Treffen in Hamburg, „ein Jahr lang in dieser Welt gelebt und viele Elemente der musikalischen DNA von Blickwinkeln aus untersucht, die ich sonst nie eingenommen hätte. Alles, was mir selbstverständlich erschien, habe ich einmal auf den Kopf gestellt und wieder auf die Beine. In gewisser Weise verstehe ich nun besser, was die Seele von Musik ist.“

Und der ahnungslose Hörer? Könnte er allein der CD das Geheimnis dieser Musik ablauschen? Wie viel mehr wüsste er, wenn er die fünf motivisch verbundenen Teile der „Orchestrion“-Suite im Konzertsaal erlebt, ihm aber noch die Augen verbunden wären? Würde er spüren, dass in dieser Musik ein menschliches mit einem mechanischen Herzen konkurriert? Oder müsste er tatsächlich sehen, wie geisterhaft der Instrumentenpark um Metheny vor sich hin zuckt, um den Reiz des Unternehmens zu erfassen? Und wenn ihm aufgeht, dass jede Trommel, jedes Becken und jeder Flaschenhals, jede Vibraphon- und Marimbaplatte über eine Steuerung angeschlagen werden, die sonst Garagentore öffnet und Staubsaugerlungen atmen lässt, wie würde er sich in diesem sanft hämmernden und klöppelnden Elfenbergwerk fühlen?

Metheny hat den alten Traum vom Musikautomaten ins digitale Zeitalter überführt, allerdings in der Überzeugung, dass egal, wie viele Computer im Hintergrund arbeiten, nur der analoge Klang von Naturinstrumenten zählt. „Irgendwann in der Zukunft“, prophezeit er mit dem ihm eigenen entspannten Enthusiasmus, „wird es nur noch eine Reproduktionstechnologie geben, die nicht aus Lautsprechern kommt. Samples sind für mich keineswegs perfekt.“ Methenys Klangwelt wird jedes Mal von neuem unter den Gliedmaßen von Robotern lebendig.

So sklavisch sie sich von seiner Gitarre diktieren lassen, was sie zu spielen haben, so gut kann man sich vorstellen, ihnen eine Musikalität einzuhauchen, die ihnen ein Stück künstlerischer Autonomie verleiht. In dem Maß, wie das Spiel von Menschen mechanisch anmutet, können Maschinen beseelt wirken. Wovon also spricht man, wenn man das Organische gegen das Mechanische ausspielt: von Empfindungen oder von objektivierbaren Tatsachen? Allein die technische Raffinesse des „Orchestrion“-Projekts gibt der Frage nach den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz eine neue Wendung.

Als Gelehrte wie Salomon de Caus und Athanasius Kircher im 17. Jahrhundert Wasserorgeln und pneumatisch betriebene Carillons skizzierten, stand die Lust an der sich von selbst bewegenden Apparatur ebenso im Vordergrund wie der Wunsch, die Beschränkungen des Menschen zu überwinden. Mit dem Entwurf des Clavicymbalum Mirabile, eines Saiten und Klangpfeifen vereinenden Instruments, konzipierte Kircher sogar schon eine Vorform jenes Musikautomaten, der unter dem Namen Orchestrion zu Anfang des 20. Jahrhunderts hinter seinen Schrankwänden bis zu einem halben Dutzend Instrumente von der Geige bis zum Saxophon vereinte.

Das Orchestrion ersetzte, wenn es zum Tanz aufspielte, die Liveband. Seine Faszination lag aber auch im Zauber des Unvollkommenen, den Spieldosen, Flötenuhren und asthmatische Jahrmarktsorgeln, auf denen Soldatenfiguren den Taktstock schwingen oder Äffchen Tschinellen zusammenschlagen, seit jeher verbreiten. Es gibt einen Seufzer der mechanischen Kreatur, der bis zum vielhundertfach fragmentierten Roboter, wie ihn sich Metheny vor allem in Eric Singers Werkstatt der League of Electronic Musical Urban Robots hat bauen lassen, seine anrührende Wirkung nicht verfehlt.

„Orchestrion“ ist die Erfüllung eines Kindertraums. Metheny, heute Mitte fünfzig, konnte nie vergessen, wie er seinerzeit Sommer für Sommer die Großeltern in Manitowoc, Wisconsin, besuchte und schnurstracks das Player Piano im Keller ihres Hauses aufsuchte. Stundenlang fütterten er und seine Cousins das Selbstspielklavier mit gestanzten Papierrollen, bis ihnen vom Bedienen der Vakuumpumpe, die das Instrument zum Leben erweckte, der Schweiß ausbrach.

Er hatte damals noch keine Ahnung, dass Conlon Nancarrow eigens für das Player Piano Etüden komponierte, die das Menschenmögliche transzendierten. Er wusste nichts über das Welte-Mignon-Klavier, auf dem einige der berühmtesten Pianisten des 20. Jahrhunderts ihren interpretierenden Fingerabdruck archivieren ließen. Auch nachdem er sich mit all dem auseinandergesetzt hat, ist „Orchestrion“ nur ein erster Schritt in Richtung Grenzverschiebung zwischen dem Organischen und Mechanischen – einer Trennung, die so fragwürdig ist wie die zwischen dem Fiktiven und dem Realen.

Jeder verbindet mit den Begriffen eine Bedeutung, insofern sie Pole der menschlichen Wahrnehmung benennen. Doch wenn es darum geht, den Übergangspunkt zu bestimmen, werden sie diffus. „Ich habe den Eindruck, dass die Dinge sich nicht einfach auf einem Spektrum darstellen lassen“, sagt Metheny. „Es gibt keine definierbare Linie, die das Menschliche vom bloß Simulierten trennt. Vielleicht befindet man sich einmal hier und einmal dort, aber diese Linie scheint mir nicht zu existieren. Es kommt auf sie auch gar nicht an, weil Musik das zu tun hat, was man von ihr erwartet – etwa beim Hören an Dinge zu denken, an die man sonst nicht denken würde. Jedes musikalische Werkzeug soll nichts anderes tun, als mir beim Träumen zu helfen.“

Vielleicht klingt „Orchestrion“ deshalb auch wie der Traum von einem Album, das die in hymnischer Eingängigkeit schwelgende Pat Metheny Group – anders als kompromisslose Jazzformate wie das seines aktuellen Trios – nie zustande gebracht hat. Es ist eben durch und durch sein Soloprojekt, gleich ob man es als One-Man-Band mit mechanischen Hilfstruppen oder als Roboterorchester mit Gastsolist betrachtet.

Die Musik hat trotz ihrer Komplexität etwas Einschmeichelndes, sogar eine gewisse Restsüße. Sie gehört, worauf Metheny zu Recht stolz ist, aber zum Geschlossensten, was er in diesem Genre hervorgebracht hat. Abgesehen davon, dass er trotz Heerscharen hervorragender junger Gitarristen niemanden fürchten muss, der ihm in Sachen Charisma, Ideenreichtum und Instrumentenbeherrschung Konkurrenz machen würde.

„Was ich da mache“, beteuert er, „sehe ich nicht als Ersatz für irgendetwas. Es ist einfach eine neue Palette, wie wenn ich als Maler abwechselnd in Acryl male und dann wieder mit Wasserfarben. Schon ein Klavier ist doch von mechanischen Komponenten bestimmt. Keith Jarrett hat einen Anschlag wie kaum ein Pianist. Aber von dem Moment an, in dem er eine Taste drückt, bis zu dem Moment, in dem der Ton erklingt, geschieht einiges. An welchem Punkt passiert das Entscheidende? Wenn man Keith ein völlig fertiges, verstimmtes Klavier vorsetzt, was hat man dann? Mechanik ist überall im Spiel.“

Hat die „Orchestrion“-Erfahrung ihn dazu gebracht, sich gegenüber den Robotern menschlicher zu fühlen? „Vielleicht könnte man es so beschreiben. Aber ich wette, dass wir in zwanzig Jahren über so etwas nicht mehr diskutieren. Ohne das Synclavier hätte ich 1981 das Stück, das mir die heftigsten Reaktionen eingebracht hat, nie geschrieben. Zu ,Are You Going With Me“ schlafen Leute miteinander, und Kinder werden geboren. Heute sticht Apples Garage-Band-Programm auf dem Mac das Synclavier um ein Hundertfaches aus.“

Hat er umgekehrt seine Improvisatioonskunst nie mit den endlichen Möglichkeiten eines Softwareprogramms verglichen? „Ja, manchmal denke ich: Warum hast du heute nur Ebene 43 statt Ebene 44 erreicht? Aber in der Welt, in der ich morgens aufwache und ein paar Takte lang über einem G-Dur-Septimakkord spiele, fühle ich mich von unbegrenzten Möglichkeiten umgeben.“ Das ist, wie gesagt, nur ein Gefühl. Solange dabei Musik wie die von „Orchestrion“ herauskommt, kann es zumindest nicht schaden, noch eine Weile daran festzuhalten.

Pat Methenys CD „Orchestrion“ (Nonesuch) erscheint in der nächsten Woche. Ab 23. Februar geht er damit auf Deutschlandtournee. Sie beginnt in München und führt ihn am 2. März auch in die Berliner Philharmonie.

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