Jessye Norman : "Obama ist Wotan"

Wie Starsopranistin Jessye Norman die amerikanische Politik erlebt – und sich sozial engagiert. Am Donnerstag singt sie in Berlin.

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Jessye Norman. Ihr Leben ist nicht nur die Musik. -Foto: ddp

Frau Norman, wer wird der nächste Präsident, die nächste Präsidentin der USA?

Wie soll ich das wissen, mein Gott! Es wird überall viel spekuliert, natürlich, weil diese Wahl enorm wichtig ist, nicht nur für Amerika, sondern für die ganze Welt. Das hat gar nichts mit weiß oder schwarz oder Frau oder Mann zu tun. Wir brauchen einfach die beste Person für dieses Amt. Die Welt ist derart aus den Fugen, dass etwas geschehen muss. Es sind zu viele Fehler gemacht worden in den letzten Jahren und nicht nur in Amerika. Es gibt viel zu viele Menschen, die verhungern auf der Welt. Es gibt zu viele Menschen, die längst kein selbstbestimmtes Leben mehr führen können! Politiker, Regierungen sind in allererster Linie dazu da, zu helfen, sich um die Schwachen zu kümmern, überall.

Aus Ihnen spricht die beherzte Linke.

Ja, natürlich, daraus habe ich nie ein Hehl gemacht. Aber aus mir, darauf bestehe ich, spricht auch der Mensch und der gesunde Menschenverstand. Warum muss die Ausbildung an einem College oder an einer Universität so irrsinnig viel Geld kosten wie in Amerika? Jeder hat doch das Recht, mit viel Arbeit, Hoffnung und etwas Glück alles zu erreichen, was er kann, meiner Ansicht nach . . .

Hillary Clinton, die weiße Frau, gegen Barack Obama, den schwarzen Mann: Ist der aktuelle US-Wahlkampf aufgrund dieser historischen Konstellation ein besonders emotionaler, besonders irrationaler?

Nein, Politik ist immer auch irrational, sonst säße George W. Bush nicht seit acht Jahren im Weißen Haus.

Wenn Sie die Präsidentschaftskandidaten in einer Oper besetzen müssten: Wer sänge zum jetzigen Zeitpunkt welche Rolle?

John McCain wäre wahrscheinlich so etwas wie der König in „Aida“ oder der Großinquisitor in „Don Carlo“. Senatorin Clinton müsste – in ihren glücklichsten Momenten – Brünnhilde sein, die Heldin. Und Obama hat Kraft, Ideen, er sieht gut aus, was auch nicht schaden kann: Wotan, würde ich sagen, Wotan auf dem Gipfel seiner Möglichkeiten.

Das schwere deutsche Wagnerfach für die Demokraten?

Ja! Aber vergessen Sie nicht, bei allem Schrecklichen, was diesen Figuren bei Wagner widerfährt: Der „Ring des Nibelungen“ endet mit Sieglindes Liebesmotiv. Ist das nicht wunderbar? Wir müssen doch wenigstens hoffen dürfen. Wie im „Tristan“ übrigens auch: Isoldes Liebestod ist nicht das Ende. Sagt die Musik.

Sie haben Isoldes Liebestod mit Herbert von Karajan mehrfach gesungen.

Eigentlich haben wir mehr miteinander geredet als musiziert, er wollte mit mir immer sein Englisch trainieren. Die Arbeit mit ihm ist ein Glück gewesen. Ich sitze auf der Bühne, mehr oder weniger mitten im Orchester, und Karajan kommt zur ersten Probe und sagt: Ich möchte, dass Sie nicht singen, ich möchte, dass Sie zuhören. Sie hören zu und sagen mir, wo Sie meinen, dass wir zu laut sind. Weil er wusste, dass es im Liebestod mehr als 30 Pianissimi gibt; weil er wusste, dass diese Partitur nicht für ein offenes Orchester komponiert wurde, sondern für den geschlossenen Orchestergraben in Bayreuth. Er wusste einfach Bescheid.

Andere Dirigenten, mit denen Sie viel gearbeitet haben, sind James Levine, Claudio Abbado, Riccardo Muti, Seiji Ozawa . Sie führen künstlerisch ein privilegiertes Leben. Was tun Sie, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren?

Das ist gar nicht mein Problem. Ich bin nicht Zauberin, sondern Sängerin. Was ich tue, kommt nicht von nichts, ich muss dafür sehr hart arbeiten. Ich habe studiert und gelesen und gelernt, ich bin so gut vorbereitet wie möglich, ich habe ausreichend probieren können – das sind alles Gründe, die mich nicht vergessen lassen, dass ich mit beiden Beinen fest auf der Erde stehe. Ich weiß, wie schwer dieser Beruf ist, und ich weiß auch, wie schwer das Leben sein kann.

Würden Sie heute noch einmal Sängerin werden wollen?

O ja. Dieser Beruf gibt mir viel, sehr viel. Aber es ist eben mein Beruf, die Leute verwechseln das gerne. Mein Leben ist nicht nur dieser Beruf, mein Leben ist viel breiter. Ich engagiere mich politisch und sozial, ich habe in meiner Heimatstadt Augusta/Georgia eine Schule für begabte Kinder gegründet. Da können 11- bis 14-Jährige kostenlos Musik machen, malen, tanzen oder Gedichte schreiben. Keines von ihnen muss ein kleiner Horowitz werden, darum geht es nicht, vielmehr wollen wir diesen Kindern bei der Entdeckung ihrer inneren Existenz helfen. Bildung, Ausbildung ist alles.

Haben Sie trotzdem manchmal das Gefühl, im Leben etwas verpasst zu haben?

Ich weiß nicht, woher es kommt, dass die ganze Welt denkt, Singen heißt Opfer bringen! Ich mache Musik, weil ich ohne Musik nicht leben möchte. Ich bin Sängerin, weil ich gerne singe. Und was ich tun muss, um eine gute Sängerin zu sein, das tue ich gerne – und wenn ich um zwei Uhr morgens über irgendwelchen Phrasen brüte!

Der Musikmarkt hat Ihnen die Freude an der Musik nicht vermiesen können?

Nein. Ich weiß schon, dass es ein Business gibt, so naiv bin ich nicht. Aber ich beschäftige keinen Publicitymanager und ich verrate auch niemandem, was ich zu Hause koche oder wer mir die Haare macht. Aber ich spreche gerne öffentlich darüber, warum ich Hugo Wolfs Mörike- Lieder so liebe oder die Texte von Heine.

Wird heute schlechter gesungen als früher?

Es wird anders gesungen, das kann ich wohl sagen. Wenn man einmal überlegt, wie diese Stimmen geklungen haben, und es ist noch gar nicht so lange her: die Stimmen von Leontyne Price, Joan Sutherland, Birgit Nilsson! Jede für sich war ein „Phänomen“, ein Naturereignis.

Die drei Damen waren, mit Verlaub, keine Schönheiten, jedenfalls nicht nach konventionellem Verständnis. Heute hingegen ist das Aussehen …

… nicht nur heute, das Aussehen war immer wichtig. Aber wenn ich nur gut aussehe, als Sängerin, Tänzerin oder Schauspielerin, reicht das nicht, in keinem Fall. Das ist der Punkt. Und die Gefahr.

Und auch eine Chance vielleicht?

Sie meinen das Alter? Das schreckt mich nicht. Komisch, ich finde es eigentlich nur interessant, älter zu werden. Mit 15 habe ich mir vielleicht gewünscht, dass mich ein hübscher Junge aus meiner Schule ins Kino einlädt.

Mit 15 hat man das Gefühl, das ganze Leben läge vor einem …

Das hatte ich nie, nein. Ich habe sehr früh nahe Menschen verloren. Während des Vietnam-Krieges sind im Laufe eines halben Jahres neun meiner Highschool- Freunde gestorben. Das war schwer, ich hatte da gerade angefangen, professionell zu singen. Aber so habe ich auch gelernt, wie Kunst einem helfen kann, wie unschätzbar wertvoll der Anspruch ist, den sie an uns stellt.


Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey.

Jessye Norman wird am 15. 9. 1945 in Augusta im US-Bundesstaat Georgia geboren, studiert an der Universität Michigan und gewinnt 1968 den Münchner Rundfunk-Wettbewerb, der ihr einen Dreijahresvertrag an der Deutschen Oper Berlin einbringt. Debüts unter der Leitung von Claudio Abbado in Mailand und London markieren 1972 ihren internationalen Durchbruch.
Jessye Norman gilt sowohl als eine der weltweit bedeutendsten Opern- wie Liedinterpretinnen.
Dass die Sopranistin häufig ihre Auftritte in letzter Sekunde absagt, macht jeden Norman- Abend zum Ereignis. Am heutigen Donnerstag singt sie Werke von Brahms, Wolf, Schubert und Strauss in der Berliner Philharmonie.

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