Johnny Griffin : Schneller als sein eigener Schatten

Schon mit 16 spielte er mit Memphis Slim und Muddy Waters: Der Jazz-Saxofonist Johnny Griffin ist tot.

Man feierte ihn als „Little Giant“ und „Fastest Gun in the West“. Doch derlei Lob hat der „schnellste Tenorsaxofonist der westlichen Welt“ zurückgewiesen. Wirkliche Giganten waren für Johnny Griffin immer die anderen, Kollegen wie der Gitarrist T-Bone Walker, die Sängerin Ella Fitzgerald oder der Pianist Thelonious Monk, mit denen er lange gespielt hatte. Natürlich war er schnell, aber darauf kam es ihm gar nicht an. „Nicht die Schnelligkeit ist das Geheimnis, sondern die Intensität“, lautete sein Credo. Am Freitag ist Griffin im Alter von 80 Jahren in seinem Haus bei Limoges in Westfrankreich gestorben. Nach Frankreich war er Mitte der sechziger Jahre gezogen, zu einer Zeit, als sein Bebop in Amerika nicht mehr besonders gefragt war und er – so die „New York Times“ – verbittert war über die mangelnde Akzeptanz des Free Jazz.

Griffin wuchs an der South Side von Chicago auf und kam Anfang der vierziger Jahre an seiner Highschool ins Schulorchester des legendären Musiklehrers Captain Walter Dyett, zu dessen Schülern auch Nat „King“ Cole, Dinah Washington und der Saxofonist Gene Ammons gehörten, Griffins erstes Vorbild. Mit 16 Jahren spielte er mit Blues-Größen wie Memphis Slim und Muddy Waters. Mit 18, drei Tage nach seinem Highschool-Abschluss, wurde der Frühbegabte von Lionel Hampton in seine Bigband nach New York geholt. „Der Jazz hat mir das Leben gerettet“, hat Griffin gesagt. Das kann man metaphorisch, aber auch wortwörtlich verstehen. In der US-Army spielte er in den frühen fünfziger Jahren Tanzmusik für Offiziere in einer Militärband in Honolulu. Sieben andere Afroamerikaner, die mit ihm eingezogen worden waren, starben im Korea-Krieg.

„Ich mag es, schnell zu spielen“, hat Griffin einmal erzählt. „Ich werde dann immer aufgeregt und versuche, die Selbstkontrolle zu bewahren. Aber wenn die Rhythmus-Sektion anfängt zu brodeln, dann will ich explodieren.“ Was das heißt, lässt sich in dem Stück „Dead Fast / 56“ studieren, einer Bebop-Version des Standards „The Masquerade Is Over“, von der es ein Video aus den siebziger Jahren bei Youtube gibt. Griffin spielt tatsächlich teuflisch schnell, federnd und leicht zurückgebeugt, mit geschlossenen Augen steht er auf der Bühne, seine Finger kneten die Klappen des Saxofons, die 56 Takte der Komposition – daher der Titel – bewältigt er in einem Irrsinnstempo. Später wurde sein Klang weicher und lyrischer, aber bis zuletzt blieb Johnny Griffin ein Altmeister, der im „Tenor-Battle“ die „Young Lions“, seine jüngeren Herausforderer, locker in die Schranken zu weisen wusste. chs

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