Jüdische Kulturtage Berlin : Das Kätzchen und der Löwe

Am Sonntag spielten das Allstar-Trio Keren Ann, Shlomi Shaban und Avishai Cohen bei den Jüdischen Kulturtagen in Berlin. Das gelang besser als man es von der Zusammensetzung erwartet hätte.

Gregor Dotzauer

Einige Minuten lang, kurz bevor die letzte Spätsommersonne die orange dämmernden Glasfenster der Synagoge in der Rykestraße erlöschen lässt, könnte man sie für die Prinzessin einer unendlichen blauen Stunde halten. Akkordton für Akkordton pflückt Keren Ann von ihrer akustischen Gitarre und wehklagt sich mit herzzerreißender Stimme durch die „Harder Ships Of The World“. Aber schon da ist alles, was an ihr verhalten oder gar zerbrechlich sein mag, zugleich von einer Kraft und Entschlossenheit, um deren Beständigkeit man nicht bangen muss. Und da Keren Ann nun überwiegend auf Englisch singt, hat sie mit dem Französischen auch etwas von dem spröde Hingehauchten hinter sich gelassen, das ihr Wesen zu sein schien. Geblieben ist das Wissen: Es gibt keine Schönheit ohne Melancholie.

Das ist kein mädchenhaftes nouvelle chanson mehr. Die nette Unverbindlichkeit, mit der sie einst an der Seite von Benjamin Biolay Liedchen mitschrieb, hat einem dramatischen Charisma Platz gemacht, das auch in seinen ohrwurmhaftesten Ausprägungen – mit „Lay Your Head Down“ schaffte sie es vergangenes Jahr in den Bademodenspot von H & M – gegen die vollkommene Neutralisierung resistent ist.

Musikalisch verführbar ist sie höchstens durch einen virtuosen Spaßvogel wie Shlomi Shaban. In London als klassischer Pianist ausgebildet, rollen ihm die Tonleitern und Ornamente nicht nur aus dem Handgelenk, sondern quasi aus dem ganzen Körper. Von der ganzen Herangehensweise ist er das Gegenteil von Keren Ann, und sein stimmlicher Schmelz hat, wenn er ihn nicht auch schrill zum Teufel jagen könnte, etwas gefährlich Einschmeichelndes. Man muss nur seinen Hit „Kulam Omrim“ (Bereit für die Liebe) hören. Doch die beiden sind eine selbstverständliche Paarung: im Mit- und Gegeneinander auch der Sprachen, wenn er Hebräisch singt und sie den Text in der nächsten Strophe auf Englisch oder Französisch wiederholt oder ihn gleich synchronisiert.

Die beiden waren es von Anfang an, als sie einander in Israel zum ersten Mal begegneten, wo Keren Ann, die im israelischen Keisarija geborene und in Paris aufgewachsene Tochter eines russischstämmigen Juden und einer Niederländerin indonesischer Herkunft, während des Libanonkriegs 2007 einige Konzerte in Luftschutzkellern gab.

Und dann steht, neben einem Streichquartett, noch ein Dritter auf der Bühne, der sie musikalisch verbindet. Keren Ann hat mit dem New Yorker Jazztrompeter Avishai Cohen (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Bassisten, der einst in Chick Coreas Band spielte) schon bei Plattenaufnahmen zusammengearbeitet, Shlomi Shaban kennt ihn seit Tel Aviver Kindertagen. Cohen ist der Mann für Zwischentöne: für ein paar Jazzschlieren mit der gestopften Trompete, ein paar Wah- Wah-Sounds, aber auch für eine glitzernde Fanfare von der Empore oder mexikanische Fröhlichkeiten.

Mit ihm, und erst recht mit Keren Anns elektrischer Gitarre, gewinnt diese zwischen Pop und Vaudeville herumturnende Musik ein orchestrales Volumen, das man ihr gar nicht zugetraut hätte – wie man dem ganzen Projekt, das bei den Jüdischen Kulturtagen Berlin seine außerisraelische Premiere erlebte, seine Schlüssigkeit auf Anhieb nicht zutrauen würde: Was soll herauskommen, wenn zwei so unterschiedliche Stars ihre größten Erfolge, neu arrangiert und garniert mit ein paar israelischen Klassikern, abwechselnd vortragen?

Zu Keren Anns erweitertem Universum gehören neben ihrem sehnsüchtigen „Que n’ai-je?“ vom „Nolita“-Album oder „Chelsea Burns“ nun auch Lieder wie das vom Kätzchen und dem Löwen, bei dem Shlomi Shaban seinen Flügel in heftigen Basswogen erzittern lässt, um gleichzeitig im Diskant die Angst herauszuschreien. Oder sein Lied über den „Bürger Nr.1“: einen Mann, der eines Morgens in Tel Aviv aufwacht und merkt, dass er der letzte zivile Einwohner dieser Stadt ist, mutterseelenallein mit den Soldaten.

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