Kammer-Pop : Joan As Police Woman singt von Liebe, Trauer und Magie

Mit der Single "The Magic" ist Joan As Police Woman ein kleiner Radiohit gelungen. Jetzt erscheint ihr drittes Album "The Deep Field".

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Kämpfernatur. Joan Wasser nennt sich Joan As Policewoman.Foto: PIAS
Kämpfernatur. Joan Wasser nennt sich Joan As Policewoman.Foto: PIAS

Unbekannte Leute auf der Straße anlächeln. Einfach so, ohne Anlass. Das ist gar nicht einfach, es kostet Überwindung. Doch wer sich traut, bekommt meist ein Lächeln zurück. Und plötzlich ist da eine kurze Verbindung, eine Mini-Vertrautheit zwischen zwei Menschen, die sich zum ersten und wahrscheinlich letzten Mal sehen.

Ein Profi im Fremde-Angrinsen ist Joan Wasser, die sich als Musikerin Joan As Police Woman nennt. Sie tut es zum Beispiel in der New Yorker U-Bahn, wo sie manchmal sogar noch einen Schritt weiter geht und die Mitreisenden in ein Gespräch verwickelt. Das klingt ein bisschen seltsam und tatsächlich umgibt die 40-jährige Musikerin eine zarte Aura der Exzentrik. Doch hört man, wie sie in ihrem neuen Song „Human Condition“ mit samtener Stimme singt „I smile at strangers knowing it’s alright / When they smile right back at me / I know we agree / That good living requires smiling at strangers“, möchte man sofort rausgehen und es ausprobieren, das gute Leben, zu dem das Anlächeln von Fremden gehört.

Das Lied ist ein Schlüsselstück von Joan As Police Womans drittem Soloalbum „The Deep Field“, das sie – zu Recht – als ihr bisher offenstes und fröhlichstes bezeichnet. Und so ist „Human Condition“ denn auch eine einzige Feier der Lebensfreude. Getragen von einer entspannt groovenden Bassline, Handclaps und lang stehenden Orgelakkorden singt sie auf ihre unnachahmlich betörende Art vom Glück, auf der Welt zu sein und davon, wie ihr Körper erregt werden will. Alle Sinne, vor allem jeder Zentimeter Haut, scheinen sich bei Joan As Police Woman nach Kontakt zu sehnen. Es geht darum, auf allen Ebenen in Verbindung zu treten – natürlich auch auf sexueller. Ganz explizit wird das etwa in „Chemmie“, das von der chemischen Reaktion zwischen Liebenden handelt.

Liebe, Sex, Tod, Freiheit – es sind seit jeher existenzielle Themen, die Joan As Police Woman beschäftigen, die sich in einem ihrer Videos schon mal als Lady Liberty verkleidete. Und nicht zufällig hießen ihre ersten beiden Alben „The Real Life“ (2006) und „To Survive“ (2008). Darauf entwickelte sie ihren ganz speziellen Kammer-Pop mit hohem Soul-Anteil, der ihr Vergleiche mit Cat Power und Feist einbrachte. Sie selbst bezeichnet ihre Musik als „Punk Rock R&B“. Die Einflüsse reichen von Al Green, Nina Simone über Stevie Wonder, Jimi Hendrix und Sonic Youth bis hin zu klassischer Musik. Denn Joan Wasser, die als Adoptivkind in Connecticut aufwuchs, ist eine klassisch ausgebildete Violinistin.

Aus Kammer-Pop wird mitunter Kammer-Prog

Mit sechs Jahren beginnt sie Klavier zu spielen, ab acht nimmt sie Geigenunterricht. Während ihres Musikstudiums an der Boston University spielt sie Anfang der neunziger Jahre in lokalen Bands, unter anderem bei den semi-erfolgreichen Indie-Rockern Dambuilders. Ihre Violine verstärkt sie elektrisch, singt Background Vocals und lernt Gitarre zu spielen. Zu dieser Zeit ist sie mit dem Musiker Jeff Buckley liiert, der gerade mit dem grandiosen Album „Grace“ seinen Durchbruch feiert. Sein Tod im Mississippi River wirft Joan Wasser 1997 völlig aus der Bahn.

Noch eine Weile spielt sie in verschiedenen Besetzungen mit Mitgliedern von Buckleys Band. Schließlich wird sie Studio- und Tourmusikerin. Sie begleitet unter anderem Antony And The Johnsons, Rufus Wainwright, Sheryl Crow und Lou Reed auf der Violine. 2002 startet sie ein eigenes Bandprojekt. Weil ihr Name inzwischen zu stark mit der Geige assoziiert wird, nennt sie es Joan As Police Woman. Freunde sagen ihr eine Ähnlichkeit mit Angie Dickinson nach, die in den siebziger Jahren die Hauptrolle in der Fernsehserie „Police Woman“ spielte.

Seither hat sich einiges verändert bei Joan As Police Woman. Die Band besteht nicht mehr aus den beiden festen Mitgliedern Rainy Orteca am Bass und Ben Perowsky am Schlagzeug, sondern aus wechselnden Musikern. So heuerte Joan Wasser für „The Deep Field“ allein fünf verschiedene Bassisten an, um jeweils genau den Sound zu bekommen, den sie sich vorstellte. Sie profitiert von einem großen New Yorker Musiker-Netzwerk, zu dem auch der Sänger Joseph Arthur gehört, dessen Bariton auf vier Songs zu hören ist. Das Klangbild ist ausgefeilt und vielfältig, was auch aus den klugen Arrangements resultiert. E-Gitarren spielen dabei eine größere Rolle als je zuvor, Streicher sind unwichtiger geworden, und das Klavier wurde fast ganz von einer Orgel verdrängt.

Aus Kammer-Pop wird mitunter Kammer-Prog. Das sechsminütige Schlussstück „I Was Everyone“ verschärft nach zwei Minuten des gemütlichen Pulsierens plötzlich das Tempo und endet in einem geradezu überkandidelten Jubelfinale. „Flash“ hingegen kreiselt fast acht Minuten introvertiert und besengeschlagen vor sich hin. Eine Klarinette und am Schluss eine fiepsende E-Gitarre setzen zarte Akzente in dieser Meditation, die ihre Wirkung tatsächlich nur über die lange Laufzeit entfalten kann. „Ich wollte, dass sich die Musik freier anfühlt, sie sollte mein ,Maggot Brain’ sein“, hat Joan Wasser über ihr drittes Album gesagt. Und so entlegen dieser Vergleich mit dem legendären Zehnminuten-Stück von Funkadelic zunächst scheint, bei „Flash“ blitzt Seelenverwandtschaft auf.

Die Melancholie hat deutlich abgenommen auf „The Deep Field“, das wie die Vorgängeralben wieder im Brooklyner Trout Studio eingespielt und von Bryce Goggin produziert wurde. Mit der tollen Single „The Magic“ ist Joan As Police Woman sogar ein kleiner Radiohit gelungen. Die positive Up-Tempo-Energie steht ihr gut, vor allem auch weil sie sie dosiert und plausibel einsetzt. Und wenn sie mit ihrer wunderbaren Altstimme im Auftaktstück als Allererstes singt: „I want you to fall in love with me“, fällt es sowieso schwer, nicht hingerissen zu sein von dieser großen Pop-Verführerin.

"The Deep Field" erscheint am Freitag. Konzert am 27. Februar im Berliner Lido.

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