Kammermusik : Vier gewinnt

Das Wiener Alban Berg Quartett verabschiedet sich von Berlin mit einem großen Konzert. Die Atmosphäre des Außerordentlichen begeistert das Publikum.

Sybill Mahlke
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Alban Berg Quartett: Gunter Pichler, Gerhard Schulz, Isabel Charisius und Valentin Erben (v.l.) -Foto: Promo

Vom Glück gemeinsamen Musizierens spricht Sir Simon Rattle und davon, was es ihm bedeutet, „to play in a group“.

Auf Einladung der Berliner Philharmoniker sind sie zum letzten Mal in den Kammermusiksaal gekommen, die Wiener Meister aller Wiener Schulen: das Alban Berg Quartett. Und Rattle, der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, setzt sich an den Flügel, um zusammen mit den verehrten Gästen Dvorák zu spielen, den langsamen Satz aus dem Klavierquintett Opus 81. Der vollbesetzte Saal, seit langem ausverkauft, die Atmosphäre des Außerordentlichen, Standing Ovations – so sieht das Abschiedskonzert des eigentlich jung gebliebenen Alban Berg Quartetts aus.

Zwei Mitglieder des 1970 von vier jungen Professoren der Wiener Musikhochschule gegründeten Ensembles sind heute noch dabei: der Primarius Günter Pichler, der seine wichtigen Impulse mit vorbildlicher Diskretion als Primus inter pares erteilt, und der Cellist Valentin Erben, ein Melodiker von erlesenem Ton. Seit 30 Jahren fügt sich der zweite Geiger Gerhard Schulz ein, während Isabel Charisius als Meisterschülerin des verstorbenen Bratschisten Thomas Kakuska in den Kreis aufgenommen wurde.

Wien – die Stadt der Streichquartette: Ohne Joseph Haydn wäre die Gattung nicht denkbar. Die große Tradition der Interpreten schließt das erschütternde Schicksal des jüdischen Konzertmeisters Josef Rosé ein, dessen Tochter Alma, ebenfalls Geigerin, ihre Lebensgefahr zu spät erkannte und in Auschwitz umkam.

Die erste und zweite Wiener Schule entwickeln das Streichquartett zur Königsdisziplin, und selbst als Beigabe für Festreden und Firmenjubiläen bewahrt sie ein Flair von gesunkenem Gut. „Für mich als Streicher“, sagt Cellist Götz Teutsch in seiner Konzerteinführung, sei der Wiener Klang der Wiener Quartette unvergleichlich. Das heute bedeutendste bilden nicht nur für ihn „die Bergs“, und auch für deren pädagogische Arbeit findet er bewundernde Worte: So weist dieser Abschied auch in die Zukunft.

Das Spitzenquartett selbst hat an der University of Cincinnati Perfektionierung bei LaSalle genossen mit dem noch immer als Lehrer aktiven Primarius Walter Levin, dessen Werkstattkonzerte auch in Berlin viel bewegt haben. Es ist eine Seidenkultur des Klanges, mit dem die Bergs faszinieren. Eine Unisono-Partie im Adagio des Haydn-Quartetts G-Dur Opus 77 Nr.1 steht für die ganze Haltung der Musiker zueinander: eine Seele, ein Atem. Im Live-Konzert gilt noch vor der Verteidigung erworbener Perfektion der kostbare Augenblick. Bei dem Streichquartett Opus 3 von Alban Berg, das die Lehrzeit des Komponisten bei Schönberg als bereits reifes meisterliches Werk beendet, geht eine Interpretation von abgehobener Weisheit aus dem gewaltigen Überfall der Musik hervor. „Intensiv gelebte“ Musik (Teutsch) ist ebenso das letzte Quartett von Schubert in G-Dur. Hier ist zu erfahren, wie introvertiert die Einbrüche musiziert werden, Dramatik und Schroffheit bleiben bei aller Differenzierung der Artikulation in diesem seligen Ton. Es ist als ob die vier Musiker auf einer Wolke schwebten, um heilige Saiten erklingen zu lassen.

Die Zugabe mit Simon Rattle bekräftigt dann noch einmal auf unprätentiöse Weise, was ihnen das Lebensthema Kammermusik bedeutet.

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