Karajan-Jahr 2008 : "Die Philharmonie bebte unter mir“

Keiner hat die Jugend so gefördert wie Herbert von Karajan, der am 5. April 100 Jahre alt geworden wäre. Eine Lobrede von Anne-Sophie Mutter.

Karajan Mutter
Symbiotische Beziehung. Anne-Sophie Mutter und ihr väterlicher Mentor im Jahr 1978. -Foto: Ullstein

11. Dezember 1976 – ein nassgrauer Samstag in Berlin: Noch heute erinnere ich mein panisches Bauchgrimmen und den unbändigen Wunsch, ganz woanders zu sein, anstatt ausgerechnet jetzt Herbert von Karajan vorzuspielen.

Er hatte mich bereits zu einem Termin im August eingeladen – ich war aber zunächst in den Urlaub geflüchtet, ein bescheidener und nutzloser Versuch, den Tag der Wahrheit auf ewig zu verschieben. Jahre zuvor hatte ich mir vom eigenen Taschengeld meine erste Schallplatte gekauft: Bruckners Symphonie Nr. 4 mit Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern. Die Aufnahme erschütterte mich geradezu: Niemals zuvor hatte ich solche Klangschönheit und faszinierenden Spannungsbögen gehört. Wie sollte ich den Anforderungen dieses genialen Dirigenten genügen können?

Das Desaster schien unausweichlich. Als ich ins Dirigentenzimmer gebeten wurde, stand mir ein Mann gegenüber, dem sehr daran gelegen war, mir jegliche Anspannung und Angst zu nehmen. Doch schon allein seine Ausstrahlung hätte mich all meine Bedenken auf einen Schlag vergessen lassen. Herbert von Karajan wünschte sich die Chaconne von Bach – allerdings könne er sich aus Zeitgründen nicht das gesamte, zwanzigminütige Werk anhören. Das Vorspiel dauerte dann nicht nur die gesamte Chaconne, sondern auch noch zwei Sätze aus einem Mozart-Violinkonzert. Danach packte ich meine Geige wieder ein, während Herbert von Karajan sich an meine Lehrerin Aida Stucki wandte, und verließ den Raum.

Auf dem Weg zurück in den Konzertsaal kam mir der Maestro entgegen und sagte: „Ich freue mich auf unser Pfingstkonzert im nächsten Jahr in Salzburg.“ Die Philharmonie bebte unter meinen Füßen. An diesem Tag begann eine musikalische Zusammenarbeit, die in ihrer Intensität für mich bislang einzigartig geblieben ist. Verbunden mit einer ganz besonderen Auszeichnung, denn während dieser dreizehn Jahre bis zu seinem Tod war ich sein einziger Violinsolist – in Konzertsaal und Aufnahmestudio.

Aber glücklicherweise war ich nicht die Einzige, die von ihm gefördert wurde, denn auch hier hat Herbert von Karajan Maßstäbe gesetzt: Es gibt bis zum heutigen Tag keinen Musiker, der so vielen jungen Kollegen – ob Sängern, Instrumentalisten oder Dirigenten – den Weg zu einer internationalen Bühnentätigkeit geebnet hat. Herbert von Karajan wird mir immer Vorbild sein. Mit seiner unerbittlichen Disziplin bei den Proben und seiner permanenten Auseinandersetzung mit der Komposition erlangte er für den Konzertabend absolute Freiheit und Souveränität. Von ihm habe ich gelernt, dass noch das kleinste Detail in der Partitur von immenser Bedeutung ist. Diese große Demut vor dem Werk zeigt sich bei Karajan auch darin, dass er die Aufführung und Einspielung einiger Kompositionen der Wiener Klassik erst in seiner letzten Schaffensperiode realisierte, wie beispielsweise die Einspielung von Bruckners siebter Symphonie mit den Wiener Philharmonikern im April 1989.

Und die zeitgenössische Musik? Auch hier war Herbert von Karajan unglaublich aufgeschlossen und keineswegs vorgefasst in seiner Meinung. Er hat sehr gerne immer wieder dazugelernt. Und so interessierte er sich auch für die musikalischen Projekte, die ich mir außerhalb seines Einflussgebietes aufgebaut hatte. Einer unserer letzten künstlerischen Pläne war es – neben Bergs Violinkonzert –, Lutoslawskis „Chain 2“ aufzuführen.

Es müssen dieser unstillbare Wissensdurst und seine Neugier auf die Zukunft gewesen sein, die Karajan auch bei der umfassenden medialen Verwertung seiner künstlerischen Aktivitäten antrieben. Zum Wohl des gesamten klassischen Musiklebens. Seine Rolle als akribischer Innovator der Aufnahmetechnik und seine Nutzung der visuellen Medien zur Musikpräsentation bleiben wegweisend. Herbert von Karajan ist noch heute der weltweite Inbegriff der klassischen Musik.

Seine mediale Omnipräsenz wurde ihm auch angekreidet – von denjenigen, die nicht verstanden, was er bezweckte: Karajans Lebensziel war es, Musik um den Globus zu bringen. Ohne dabei sein Privatleben zu Markte tragen zu müssen. Die PR-Fotos, die ihn mit schnellen Autos, Segelyacht oder Jet zeigen, gaukelten dem oberflächlichen Betrachter eine private Nähe vor, die Karajan dem Publikum gegenüber nie zuließ.

Diesen Spagat hat er genial gemeistert. Ohne Skandale und Peinlichkeiten – und ohne sich bei der breiten Masse als Werbefigur anzubiedern. Seit seinem Tod hat die klassische Musik einen breiten öffentlichen Raum verloren. Der ist jetzt besetzt von Mainstream und einer Flut industrieller Kulturproduktionen. Herbert von Karajans Qualitätsmaßstäbe dagegen strahlen zeitlos wie ein Fixstern am Musikhimmel.

Den Text von Anne-Sophie Mutter entnehmen wir dem gerade erschienenen Buch „Herbert von Karajan. Bilder eines Lebens“, herausgegeben von Pierre-Henri Verlhac. Der im Henschel Verlag veröffentlichte Band zeigt in vielen kaum bekannten Aufnahmen den Facettenreichtum der Persönlichkeit Karajans. Am 23. Januar gibt Anne-Sophie Mutter mit den Berliner Philharmonikern und Seji Ozawa ein Gedenkkonzert in der Philharmonie.

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