Keith Jarrett in Deutschland : Das große Akkorderücken

The Frankfurt Concert: Eine Solo-Séance mit dem Pianisten Keith Jarrett in der Alten Oper. Vor Beginn des Konzertes sind die Zuschauer nervöser als der Künstler. Der liefert ein Meisterwerk ab - und entpuppt sich als Diktator.

Gregor Dotzauer
Keith_Jarett Foto: Anna Meurer
Meister des Improvisierens. Keith Jarrett beim ersten und einzigen Solo-Konzert in Deutschland seit 15 Jahren. -Foto: Anna Meurer

Wie es schon auf dem Vorplatz der Alten Oper in Frankfurt flirrt und summt und die Verzweiflung derer, die ohne Karte geblieben sind, sich am Hochgefühl von 2500 Erwählten bricht. Wie sich eine freundliche Hysterie den Weg ins Innere bahnt, hinter die klassizistische Fassade, die in goldenen Lettern für das Wahre, Schöne und Gute wirbt. Und wie in den Foyers ein seltener Übermut hochkocht und zugleich erstirbt, weil das, was jetzt beginnt, ein Abenteuer ist, für das man gewappnet sein will.

Es dürfte nicht viele Konzerte geben, bei denen das Publikum nervöser ist als der Künstler. Vielleicht war es so beim späten Benedetti Michelangeli, beim greisen Horowitz oder beim todgeweihten Miles Davis. Auch wenn es sich im Fall von Keith Jarrett weder um einen Abschied noch um eine Auferstehung handelt, so kehrt der große Pianist doch nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder für ein einziges Solokonzert nach Deutschland zurück. Und das, nachdem er einmal das steinerne Tal eines chronischen Erschöpfungssyndroms durchschritten hat. Dieser Keith Jarrett ist ein anderer als jener zu Zeiten des „Köln Concert“.

Der Große Saal in tiefer Nacht. Ein einzelner Scheinwerfer, dessen Licht der schwarze Steinway auf der Bühne sofort wieder absorbiert. Man sieht kaum, wie Jarrett aus dem Schatten schlendert. Ein kleiner Mann mit Sonnenbrille, der sich gönnerhaft nickend ins Tosen des Auditoriums verneigt und so zum Scherzen aufgelegt zu sein scheint, dass er erst einmal demonstrativ mit beiden Händen die Position des Klavierhockers ausmisst, für gut befindet, sich dann aber nochmals umwendet, um mit ausgestreckter Hand den Fluchtweg zur Garderobe zu überschlagen. Letztes Hauchen in die Hände, und es beginnt eine Séance, von der er gleich sagen wird, sie solle uns in eine Welt führen, die größer sei als wir selbst.

Da rollen bereits die ersten Wellen über den Flügel.Vom tiefen C bis in die Glocken des Diskants schaukeln sie sich auf und finden nach einer Weile, unbekümmert um Dissonanzen, zu angedeuteten rhythmischen Strukturen, die schnell wieder zu einem leichten Kräuseln zerfallen und sich von neuem aufbauen. Hände, die sich beim Hin und Her überkreuzen. Ein Rücken, der sich abwechselnd über der Tastatur zusammenkrümmt und vom Klavierhocker abhebt, als wolle er zwischen die Hämmer und Saiten kriechen. Eine ächzende und stöhnende Vermählung von Mann und Instrument, die damit enden könnte, dass es seine Füße wie Tentakel um Keith Jarrett schlingt.

Das sind die ersten zehn Minuten: die Besitzergreifung eines Tonraums. Oder vielmehr: die Auslieferung daran. Ein Ringen mit abstrakten Energien, das sich zunächst nicht im geringsten um Melodien sorgt. Und: ein Stück frei improvisierter Musik. Zugegeben, solche Musik kann man, auskomponiert von Claude Debussy, Karol Szymanowski oder György Ligeti, komplexer, architektonisch bewusster und unter den Händen eines sorgfältigen Interpreten auch artikulierter hören. Doch körperlicher, inniger und mit mehr natürlichem Atem findet sich dergleichen heute bei niemandem mehr als bei Jarrett. Und er will ja auch gar nicht Debussy, Szymanowski oder Ligeti sein. Selbst die Bezeichnung Jazz für sein Genre ist nur eine Krücke, auch wenn er auf Blues-Schemata, Balladenmelancholie und rasende Bebop-Linien zurückgreift. Es ist alles Vokabular, das durch ihn hindurchgegangen ist und immer wieder hindurchgeht: vom Kopf in die Finger und zurück und mit beiden Füßen in den Bühnenboden gestampft.

Und dann tut es einen Schlag. Kopfschüttelnd taucht Jarrett aus seiner Versenkung auf und beschwert sich über das hustende Publikum. Keine zehn Minuten, sagt er, und schon wird gehustet! Tatsächlich klingt manches, was von den Rängen herunterbellt, gefährlich nach Tuberkulose oder tiefstem Moskauer Winter. So könne er nicht weiterspielen, sagt Jarrett, der neben seiner Musik auch für solche Bemerkungen berühmt ist. Wo, fragt er, bleibt nach 30 Jahren der Ermahnungen der Lerneffekt?

Das zweite Stück beginnt mit unruhig aufquellenden Linien in beiden Händen, Schraffuren, die sich jeden Augenblick zum Cluster verfinstern können und im letzten Moment davor zurückschrecken. Und auch dieses Stück endet nach zwei, drei Minuten mit einem Schlag. Ich warte hinter der Bühne, kündigt Jarrett an, bis Sie sich ausgehustet haben. Auch den dritten Versuch, der mit der Rechten die mitschwingenden Obertöne eines mit der Linken angeschlagenen Akkords herauskitzelt, kürzt er ab. Und nach den ersten Akkorden des vierten erklärt Jarrett mit einem tönenden Beispiel, er sei kein Hotelpianist.

Husten als Infektion der Aufmerksamkeit. Und man ertappt sich bei der Frage, ob man nun alle bronchial rasselnden Gestalten eigenhändig knebeln und vor die Saaltür verfrachten, ob man um den Abwurf einer Ladung Eukalyptus beten oder vielmehr dem überempfindlichen Künstler an die Gurgel gehen soll. Denn mittlerweile hat sich ein Gefühl von wechselseitiger Bedrückung eingestellt, das ängstlich den nächsten kleinen Huster erwartet – und Jarretts Verschwinden auf Nimmerwiedersehen befürchtet. So bringt er bis zur Pause nach einer guten halben Stunde neun jener kurzen Charakterstücke zur Strecke, die seit seinen ausgedehnten, ganz auf Höhepunkte und anschließende Entspannung angelegten Improvisationen aus den siebziger und achtziger Jahren die Grundlage seiner heutigen Konzerte bilden. Abgeschossen mitten im Flug. Brocken für die undankbare Menge.

Nach der Pause die unverhoffte Wende. Beide Seiten scheinen sich beruhigt zu haben, nicht mehr jeder Huster wird mit schmerzverzerrtem Gesicht geahndet. Ja, Jarrett spendiert am Ende vier Zugaben, vom Blues-Boogie-Shuffle über „My Song“ bis zum hektischen Unisono-Sprint. Alles, was zuvor nur angedeutet wurde, darf jetzt aufblühen: ein über mächtigen Ostinato-Oktaven auf einem einzigen Grundton aufgespanntes Funkgespinst. Ein neoimpressionistisches Akkorderücken, bei dem man Erik Satie zu hören meint. Ein dämonisch dahergaloppierendes Scherzo, dessen Zügel Jarrett bald schießen lässt, um es in den Bass-Regionen zu begraben. Lauter Stücke, die mit dem Besten konkurrieren können, was auf seiner letzten Solo-Aufnahme, dem „Carnegie Hall Concert“, zu hören ist.

Und dann spielt er noch einen jener hymnischen Choräle, in denen man seine Beschäftigung mit Bach ahnen kann und zugleich eine Gospelseligkeit anklingt, deren Erhabenheit auch den letzten Rest von Divenhaftigkeit eingebüßt hat. In solchen Momenten könnte Keith Jarrett selbst dem lieben Gott Tränen in die Augen treiben.

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