Kettcar : Wir werden nie enttäuscht

Kettcar entdecken mit "Sylt“ die soziale Kälte. Das neue Album ist der Versuch, der Generation der 30-Jährigen ihre Lähmung vorzuführen.

Kai Müller
Kettcar
Drei Jahre mussten die Fans auf das dritte Album der Band Kettcar warten. -Foto: dpa

Schlechte Laune. Es gibt doch nichts Dümmeres, als schlechte Laune zu haben. Nicht, dass man ständig gut drauf sein müsste. Die Quietschfidelen nerven auch. Aber in der Popmusik gehört es unter vermeintlich „relevanten“ Künstlern so sehr zum guten Ton, sich griesgrämig und verzagt zu geben, dass man nach dem Grund dafür lieber gar nicht fragt. Als wären all die grimmigen Verweigerungsgesten es wert, dass die Welt ohne einen stattfindet. Tocotronics „Kapitulation“ ist das jüngste Manifest dieser Haltung. Wäre es den Hamburgern auf ihrem Album nicht gelungen, diese übellaunige Selbstentwertung („Sag alles ab!“) zum erhabenen Moment zu stilisieren, man hätte erst recht verzweifeln müssen.

So wie bei Kettcar, einer ebenfalls aus Hamburg stammenden Band, die mit „Sylt“ ihr drittes Album veröffentlicht (Grand Hotel van Cleef). Auch die fünf Musiker um Sänger und Gitarrist Marcus Wiebusch sind mit nichts einverstanden, aber auf eine so abgehangene Weise, dass sie sich nicht mal zur Ironie, zur überraschenden Volte und vor allem nicht zu einer erhebenden Musik aufraffen. Bräsig klingen die zwölf Songs, die zielsicher ins Herz eines irgendwie schmutzigen, ganz okay lauten und mit gezähmter Verachtung unterfütterten Indie-Rock hineinproduziert sind.

Da fällt die eigentliche Leistung der Band fast nicht auf. Sie hat die Wende vollzogen von einer Unzufriedenheit, die sich nur auf sie selber bezog („Im Taxi weinen“), zu einer Auseinandersetzung mit den äußeren Umständen, die die miese Laune überhaupt erst rechtfertigen. „Sylt“ ist der Versuch, der Generation der 30-Jährigen ihre Lähmung vorzuführen. Sie davon abzubringen, sich in ihrer ewigen postadoleszenten Distinktionswelt einzurichten („Graceland“). Da wird das Leben in bitteren Arbeits- und Liebesverhältnissen zum „Nullsummenspiel“ erklärt und die Frage erörtert, für was man sich eigentlich hergeben will. „Wir müssen das nicht tun“ weist die Richtung und riecht schwer nach Entscheidung. Aber all dieser Gegenwartsfuror verpufft, weil die Musik in ihrer beschämenden Muffigkeit selbst der beste Beweis dafür ist, dass sich im Rock-Biedermeier nichts tut.

Den Schluss markiert die Beschwörung: „Wir werden nie enttäuscht werden.“ Besser wäre es andersrum. Aber was soll schon passieren, wenn man nicht weiß, was man erwartet? Kai Müller

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