Kiss : Hölle, Hölle, Hölle

Das ist Wahnsinn: Kiss, die heißeste Band der Welt, bringt das Velodrom zum Kochen. Ein Mammutspektakel der völligen Sinnlosigkeit, das in seiner Durchgeknalltheit etwas Erhabenes hat.

Volker Lüke
Simmons
Kiss-Bassist Gene Simmons zeigt seine Rekord-Zunge. -Foto: dpa

Das Licht verlischt, Nebel wallen, Blitze zucken, dann spricht eine Stimme: „Alright, Berlin. You wanted the best – you got the best. The hottest band in the world!“, der Vorhang hebt sich, und da stehen sie tatsächlich in ihren knalligen Kostümen, mit voller Schminke, die Instrumente im Anschlag: Kiss. Jawohl, es gibt sie immer noch, Masken und Legende leben weiter: Demon, Starchild, Spaceman und The Cat – sie sehen noch exakt so aus wie auf alten Plattencovern.

Es gab eine Zeit, Mitte der siebziger Jahre, da standen Kiss auf dem Dach der Welt. Rockmusik hatte ihre Unschuld schon verloren und den Zynismus noch nicht entdeckt. Glam-Rock entstand, eine Mischung aus hartem Rock und pompösem Travestie-Theater, die Bühnenshows wurden immer verrückter. Und niemand war so wahnsinnig und erfolgreich wie das Quartett aus New York, das vor 35 Jahren vom Grundschullehrer Gene Simmons und dem Taxifahrer Paul Stanley gegründet wurde, um zur heißesten Band der Welt zu werden. Mit folgendem Masterplan: 1.) Ins Rockerfeld eindringen und mit maskiertem Outfit Verwirrung stiften. 2.) Den trashigen Comic-Humor kultivieren und mit trompetenden Album-Titeln wie „Hotter Than Hell“ oder „Dressed To Kill“ die Aufmerksamkeit der Zielgruppe verstärken. 3.) Mehr Platten verkaufen als Alice Cooper.

So wurden Kiss zu einem Phänomen, das sich für erstaunlich viele Leute in einer kultischen Sphäre bewegt, die man in ihrer vollständigen Dimension wohl nie begreifen wird. Das Spiel mit Realität und Fiktion, seit jeher Bestandteil der Popkultur, hat die Band auf die Spitze getrieben. „Real“ war an Kiss von Anfang an nichts, auch die Demaskierung Anfang der achtziger Jahre blieb bloß ein zwischenzeitlicher Marketinggag. Inzwischen verbirgt die Schminke nicht nur, dass Simmons (58) und Stanley (56) mächtig gealtert sind, sondern auch, dass ihre Ex-Kollegen Ace Frehley und Peter Criss längst durch Tommy Thayer und Eric Singer ersetzt worden sind.

Im ausverkauften Velodrom liefern die Monsterrocker das zu erwartende Spektakel ab, frei von Erleuchtung, aber reich an Kanonenschlägen und Feuersäulen. Wie angekündigt kämpfen sie sich durch die Original-Reihenfolge ihres Vierfach- Platin-Albums „Alive!“ aus dem Jahr 1975. „Starchild“ Paul Stanley präsentiert seine lockige Brustbehaarung und gibt sich nach überstandener Hüft-OP erstaunlich gelenkig, während „Demon“ Gene Simmons in seinen Plateaustiefeln über die Bühne stampft wie Godzilla durch Tokio und permanent mit seiner legendären Riesenzunge schlabbert.

Natürlich schießen wieder Funken aus der Leadgitarre von „Spaceman“ Tommy Thayer, „The Cat“ Eric Singer steigt mit dem Schlagzeug auf einem Nebelteppich in die Höhe, und bei „Rock’n’Roll All Nite“ füllt ein gewaltiger Flitterregen den Saal. Dabei kommen die wahren Höhepunkte erst im Zugabenteil mit dem Disco-Stampfer „I Was Made For Loving You“ und einem Basssolo von Simmons, bei dem er reichlich Kunstblut spuckt, bevor er mit gespreiztem Fledermausumhang unters Dach fliegt. Es ist ein Mammutspektakel der völligen Sinnlosigkeit, das in seiner Durchgeknalltheit etwas Erhabenes hat. Dass die Musik dabei im Wesentlichen aus abgenudelten Hardrock- Riffs besteht, die schon vor dreißig Jahren abgenudelt waren, ist nebensächlich. Gegenüber anderen Altrockern, die sich nur noch selber parodieren, haben Kiss den Vorteil, dass sie schon immer Parodie gewesen sind. Sie sind der größte Superwitz der Rockgeschichte.

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