Klangkomponistin : Farben und Felder

Die Komponistin Ruth Zechlin ist tot. Die Tonsetzerin gehörte zu den profiliertesten ihres Fachs in der deutschen Musikgeschichte. Sie schrieb 260 eigene Stücke und lehrte als Professorin an der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“.

Ulrich Pollmann
Ruth Zechlin
Ruth Zechlin wurde 81 Jahre alt. -Archivbild: pnp

Nein, das Thema „Frau und Komposition“ hat Ruth Zechlin nie sonderlich interessiert. Sie habe es als Komponistin nie schwer gehabt, sagte sie auf Nachfrage gerne. Was aber nichts daran ändert, dass die Tonsetzerin, eine der profiliertesten in der deutschen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, eine Ausnahmeerscheinung war. Die Biografie der viel geehrten Künstlerin, sie ist in mancherlei Hinsicht untypisch für zeitgenössische Komponisten; auch lässt sich ihr Werk nicht einordnen in die Hauptströme der Neuen Musik.

1926 im sächsischen Großhartmannsdorf geboren, zeigte sie schon als Kind Begabung für das Klavierspiel und das Komponieren. Von 1943 bis 1949 studierte sie Komposition bei Johann Nepomuk David in Leipzig, wo sie außerdem ein Orgelstudium absolvierte. 1950 kam sie nach Berlin, unterrichtete zunächst Tonsatz und Musiktheorie an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ und hatte dort bis 1986 eine Kompositions-Professur inne. Daneben trat sie weiterhin als Cembalistin und Organistin auf. 1970 wurde sie in die Akademie der Künste der DDR gewählt; nach der Wende stand sie als Vizepräsidentin der Akademie drei Jahre lang Heiner Müller zur Seite. Sie schrieb auch die szenische Musik für dessen „Hamletmaschine“ und, nach Müller-Motiven, die Kammeroper „Die Reise“.

Sächsische Herkunft, Studienort Leipzig, Musikszene DDR, Cembalo, Orgel: Ruth Zechlin war zunächst auf eher konservative Weise geprägt von Bachs Polyphonie. Auch wenn Hanns Eisler sie schon früh mit atonaler Musik in Berührung brachte, begann sie sich erst ab etwa 1970 von motivisch geprägten Strukturen zu lösen. Sie entdeckte den Reichtum von Klangfeldern, verlegte sich aufs Koloristische und Expressive, auf die Energieströme von Klangereignissen, ebenso auf hörbar gemachte psychische Erfahrungen. Inspiriert wurde sie dazu auch von ihren Freundschaften mit Lutoslawski und Hans Werner Henze. Ihre Werktitel – „Reflexionen“, „Metamorphosen“ oder „Wider den Schlaf der Vernunft“, komponiert kurz vor dem Fall der Mauer für eine Protestandacht in der Erlöserkirche – sprechen für sich.

Sie selbst hat von ihren rund 260 Kompositionen (darunter sieben große Bühnenstücke und drei Sinfonien) ihr „Triptychon 2000“ für großes Orchester besonders geliebt, das sie nach dem Übertritt zum katholischen Glauben neben anderen religiösen Werken verfasste. Am Samstag ist die Komponistin im Alter von 81 Jahren in München nach langer Krankheit gestorben.

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